Neues

Hervorgehoben

Büro für überflüssige Worte beim Open Books Festival, Buchmesse Frankfurt,
Video: Stuttgarter Zeitung, 23.10.2016. Zum Artikel

News:

Etwa 100 Publikationen im ganzen deutschsprachigen Raum berichteten über das “Büro für überflüssige Worte” bei Open Books/Buchmesse Frankfurt. hier Pressespiegel

Nov/Dez. bin ich Schulkünstler an der IGS Nordend, Frankfurt im Rahmen des Kulturtagjahres der ALTANA Stiftung

Aktuelle Termine:

Sa. 29.10.16. – 18:45/20:15/ 21:45 , fümms bö wö – 100 Jahre DADA Lautpoesie.
Kronberger Kulturnacht, Museum Kronberger Malerkolonie, Taunusstr. 1.a.
Sa. 12.11. Nie mehr mono, Huellkurven Release Concert. u.a. mit Martin Bakero (Chile), Thomas Havlik (A), HUT – Hinterhof Unter Terrain, Sechshauserstrasse 28, 1150 Wien
16.-20.11. Sound Poetry Loops, Ars Poetica, Bratislava
Mo. 21-Di. 22. November 2016, Büro für überflüssige Worte” im Rahmen der “4.Bundesweiten Fachtagung der schulischen Berufsvorbereitung”, Hamburg
Sa. 25.11. Jazz Poetry Slam Frankfurt, Moderation. Haus am Dom, Frankfurt
Di. 6. Dezember 2016, “Büro für überflüssige Worte” im Rahmen der Tagung “Berufsbezogene Förderung der Fachsprache”, Hessische Lehrkräfteakademie, Kassel

 

Buchmesse, war da was?

Dieses Buchmesse hat für mich extrem gerockt, obwohl ich weder ein neues Buch veröffentlicht habe, noch überhaupt auf der Messe selbst war.

Mit meinem “Büro für überflüssige Worte” beim Open Books Festivals insgesamt 250 „überflüssige Wörter“ eingesammelt und gegen ebenso viele Fantasiewörter ausgetauscht. Im Handbetrieb.

In etwa 80 Publikationen in Deutschland, Österreich, Schweiz (hier allein 35x) und Liechtenstein ist ein ausführlicher dpa Artikel erschienen. BILD, BILD der Frau und Focus druckten den Artikel, die Portale wetter.de und t-online verbreiteten mich. Die Stuttgarter Zeitung brachte nicht nur einen eigenen Bericht sondern auch noch einen Filmbeitrag über das Projekt. Der ORF hat mich zum Interview nach Wien eingeladen.

P1390956

Foto: Alex Vladi

 

Auch die beiden Veranstaltungen im Rahmen des Gastlandprogramms: „Poezie klinkt anders“ (Hier Bericht von Alex Vladi)  im Haus am Dom mit Soundpoetry von Jaap Blonk, Maja Jantars und mir und „Wortküsten und Sprachpolder“ mit aktueller flämisch-niederländischer Lyrik, die ich moderieren durfte haben super funktioniert und waren bestens besucht. Besondere Ehre und Sahnehäubchen, daß uns der flämische Popstar/Songwriter Tijs Delbeke musikalisch begleitet hat. (Kleines Salzkorn in der Sahne: ich war den ganzen Abend über nicht in der Lage seinen Namen korrekt auszusprechen.)
Obendrauf noch ein Stadtspaziergang mit den niederländisch-flämischen AutorInnen Anneke Brassinga (NL), Miriam van Hee, Elvis Peeters und Nicole van Bael und Rozalie Hirs mit Frankfurter Lunch im „Atschel“. Krass gute, vielseitige, grenzüberschreitende und sehr musikalische AutorInnen.

30491016645_08cdc5b615_z

Foto: Katarina Ivanisevic

Mahlzeit – überflüssige Wörter bei Open Books 3

Ortswechsel. Aufbau des Büros in der mittelalterlichen Schwanenhalle des alten Frankfurter Rathauses Römer, Ort des ältesten Frankfurter Literaturfestivals. Durchgangshalle mit Lesesofas und Büchertischen. Bis zu drei Lesungen parallel in den Hallen nebenan. Jeder Laut wird durch die hohen Hallen verstärkt. Das Schieben eines Stuhls, selbst das Fallen eines Stiftes lässt mich den Atem anhalten. Direkt gegenüber hat sich ein Caterer mit Suppe und Brezeln platziert.  Vielleicht erklärt das, warum das heutige Unwort des Tages „Mahlzeit“ lautet.

IMG_1023

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gemeint ist nicht die „Mahlzeit“ als Gericht, sondern der in vielen Firmen und Büro übliche Mittagsgruß, eine schnell und oft gesagte Floskel, ebenso wie „Gesundheit“, „Guten Tag“, „Hallo“, „wie geht´s“.  Doch keine der anderen Floskeln hat ein derartiges Erregungspotenzial. Wo ist das Problem? Ursprünglich hieß es mal „gesegnete Mahlzeit“. Wird die Kürzung als Blasphemie empfunden? Als unanständige Profanisierung?

Ich höre diesen Gruß fast nie, arbeite ja auch selbstständig, und frühstücke meist noch, wenn andere schon in die Mittagspause eilen. Immerhin habe ich auch einen Büroarbeitsplatz, aber hier sagt niemand Mahlzeit.

Zugegeben, das Wort ist nicht mehr taufrisch, stammt vermutlich aus dem Mittelalter. Mahlzeit bezeichnet die festgelegte Zeit zum Essen. In vielen Firmen gibt es bis heute streng und eng gelegte Mittagspausen. Vielleicht ist das die Quelle der Erregung: der Zwang, dass alle Kollegen zur gleichen Zeit ein Standard-Kantinen-Essen zu sich nehmen müssen. Je nach Qualität der Kantine und dem Verhältnis zu den Kollegen kann diese Zwangspause durchaus unangenehm werden. Mittagzeit ist auch die Zeit des Kollegentratsches, im schlimmsten Fall auch des Mobbing. Dazu die Anstrengung diese Floskel in großen Firmen extrem oft in den Mund nehmen zu müssen, der Zwang jedem einzelnen Kollegen ein „Mahlzeit“ hinwerfen zu müssen. Das kann ermüden.

Jemand schreibt zu „Mahlzeit“ in mein Gästebuch: „hingeworfen, weil es immer so war, ohne Nachdenken, was es für den Angesprochenen bedeutet, spießig, miefig, übrig geblieben.“

Mein Verdacht: alle unangenehmen Aspekte der Büroarbeit in großen Firmen werden in diesen Begriff hineinprojiziert. Monotonie und standardisierte Wiederkehr der gleichen Abläufe, Zwang zur Anpassung, automatisierte Floskelhaftigkeit der Kommunikation, Frust darüber, dass selbst die Mittagspause den gleichen Zwängen unterworfen ist, wie die Arbeitszeit. Und der Klang? Erinnert das vielstimmige „Mahlzeit“ nicht an das Blöken einer Herde Kühe?

Neben „Mahlzeit“ kommt heute auch wieder „eigentlich“ zum Zuge. Mein Trick: ich habe alle „eigentlich“ Karten von meiner Pinnwand entfernt und hänge die neuen auch nicht gleich auf. So glauben alle, sie wären die ersten, die dieses Wort abgeben. Eigentlich, aber, sozusagen stehen auf meiner Hitliste „überflüssiger Wörter“ heute ganz oben. Offenbar ein Ausdruck für die Sehnsucht der Menschen nach einer klaren, eindeutigen Sprache (in einer klaren, eindeutigen Welt). Kann man verstehen, bei der aktuellen Unübersichtlichkeit des Seins. Relativierungen sind nicht beliebt. Andererseits, denke ich, wenn wir nicht mehr relativieren könnten, wenn wir nur noch auf unseren (eindeutigen) Positionen beharren, werden Zusammenleben und gegenseitiges Verständnis nicht grade erleichtert. Wie soll ich differenzieren, wenn ich nicht mehr „ja, aber sagen“ kann, einerseits oder andererseits abwägen und auf den „eigentlichen“ Kern meiner Idee hinweisen kann?

Vielfalt entsorgen, Gummilippe riskieren. Überflüssige Wörter bei Open Books 2

20.10.2016, Kunstverein Frankfurt, Open Books Festival, Buchmesse Frankfurt

„Eigentlich“ ist das unangefochtene Unwort des gestrigen Tages. dpa war zu Besuch. In zahlreichen heute erschienen Artikeln wird “eigentlich” gleich zum „verhasstesten deutschen Wort“ gekürt. Gemach, möchte ich ihnen zurufen. Die empirische Grundlage ist dünn. Von 70 Besuchern haben 7 also 10 Prozent eigentlich abgegeben. Aber ich bin ja kein Meinungsforschungsinstitut sondern ein Kunstprojekt. Doch solche Feinheiten zählen nicht mehr, wenn 50 gleich lautende Artikel in ganz Deutschland, Schweiz, Österreich und Liechtenstein erscheinen, darunter solche Schwergewichte wie BILD und Focus, aber auch so interessante Presseerzeugnisse wie die Appenzeller Nachrichten und die sächsische Volksstimme.
Gestern war gestern und heute ist heute. Und heute will niemand mehr „eigentlich“ abgeben, obwohl es vielen auf der Zunge liegt. Die Präsentation auf den Pinnwänden beinflusst neue Besucher bei ihrer Wahl. Niemand will ein Wort abgeben, das andere schon abgegeben haben.

IMG_1017

Dass sich die Besucher um die Vielfalt der ungeliebten Wörter sorgen ist lobenswert. Allerdings wird dabei auch das Wort „Vielfalt“ selbst entsorgt. Zumindest die Vielfalt in „bestimmten Kontexten“. Die Dame möchte nicht missverstanden werden. Aha, sage ich. Meinen Sie vielleicht die „Vielfalt“ im Rahmen eines bürokratischen „Vielfaltsmanagements“? Genau, ruft die Dame erleichtert aus. Klanglich wie semantisch wirklich grauenvoll. Die Eindeutschung zu „Vielfaltsverwaltung“ macht es auch nicht besser. Ein klassischer Oxymoron, ein Widerspruch in sich.
„Diversity Managment“ ist eigentlich eine Methode des Personalmanagements in großen globalen Konzernen. Diskriminierung am Arbeitsplatz zu vermeiden, ist sinnvoll. Aber der Begriff bekommt einen schalen Beigeschmack, wenn “Vielfalt“ zur Werbefloskel und zum Verkaufsargument wird. In der Praxis geht es den globalen Konzernen selten um echte Vielfalt, viel öfter um Vereinheitlichung und Standardisierung von Arbeitsprozessen und Produkten, um stromlinienförmige Mitarbeiter und DIN genormte Kunden.
Mittlerweile hat auch die Politik das „Diversity Managment“ entdeckt, ein Paradies für wichtigtuerische Floskeln und die komplizierte Formulierung von Banalitäten. Auch die Politik wirbt gerne mit „Vielfalt“ und versucht diese ebenso wie die Wirtschaft in „Diversity Standards“ zu vereinheitlichen und dann in werbewirksamen Botschaften zu verkaufen.

Wenig später erscheint eine junge Abgeordnete der Anne-Frank-Stiftung und präsentiert mir das Ergebnis kollektiver und heiß diskutierter Wortmüllsammlung. Fühle mich geehrt und nehme einen bunten Blumenstrauß an politisch unkorrekten Begriffen entgegen: Volk, Kopftuchmädchen, Farbige, Fremdenfeindlichkeit, Gender-Wahn, Kulturkreis, Islamkritik, Israelkritik und schließlich das offenbar schlimmste Wort, eines mit Z. Die junge Frau zögert. Wenn sie das Wort jetzt abgibt, dann steht es ja für alle sichtbar an meiner Tafel. Tja, das ist eben die spannende Dialektik meines Projektes. Ich beruhige sie. Abgegebene Worte behaupte ich, verlieren durch den Stempel „überflüssig“ alle negative Kraft. Schließlich gibt sie sich einen Ruck und schreibt: Zigeunerschnitzel.

Am Ende des Tages werde ich noch mit einer „Gummilippe“ konfrontiert. Die Besucherin zählt es zu den „ekelhaftesten“ Wörtern, die sie kennt. Stimmt, klingt ein wenig pervers. Nur, was ist das? Im Duden ist der Begriff sowenig zu finden wie auf Wikipedia. Gleichwohl, es lebt, unter anderem in Baumärkten. Meine Wort-Kundin wurde beim Studieren einer Bedienungsanleitung für einen Fensterputzer für ihr Leben traumatisiert. Ich hoffe ehrlich, dass ihr die Wortabgabe zu einem neuen unbeschwerten Leben hilft.

Wurstlücke im Doing. Überflüssige Wörter bei Open Books 1

19.10.2016, Tag 1 Kunstverein, Open Books Festival, Buchmesse Frankfurt

Mein Büro im Zentrum von Open Books, dem großen Frankfurter Lesefestival zur Buchmesse, mitten im Foyer des Kunstvereins, schön eingerahmt von den beiden geschwungenen Treppen. Noch bevor ich alle Flyer und Wortkarten und Stifte und Stempel ausgepackt habe und die neu erworbene künstliche Topfpflanze platziert habe, noch bevor überhaupt Einlass ist, bekomme ich die ersten beiden Wörter überreicht.
„Sale“ und das schöne deutsche Verwaltungskompositum „Konsolidierungsbeitrag“. Erst denke ich an Halle an der Saale. Es dauert, bis es klickt, dass das englische „Sale“ gemeint ist….der große Ausverkauf, Rausverkauf.
Wörter, die etwas mit Geld zu tun haben, denke ich, sind nicht beliebt. „Sale“ brüllt einem in guter amerikanischer Tradition seine Botschaft direkt, knallhart und ohne Umschweife in die Nerven. In guter deutscher Vernebelungstradition steht dagegen der schwammig-euphemistische „Konsolidierungsbeitrag“. Ich muss lange nachdenken, ohne dass mir eine wirklich schlüssige Definition einfällt. Eines der vielen neuen Wörter für „Sparmassnahme“?

IMG_1013

Mein Büro ist ein seltsam unliterarischer Ort. Irgendwo im Hintergrund kann ich einen Büchertisch erkennen. In Schüben kommen Besucher und hasten zu den drei parallelen Lesungen in den 2 Stockwerken über mir. Zu hören ist nur der Applaus. Ich hatte ein wenig gehofft, geschwollene Literaturbegriffe ernten zu können. Doch entsorgt werden überwiegend Alltagsfloskeln, Füllwörter. Tages-Unwort ist erneut das unschuldige „eigentlich“, über das ich schon an anderer Stelle geschrieben habe.
Auch fehlen die bösen Wörter der aktuellen politischen Debatten mit einer Ausnahme. „Völkisch“ wird entsorgt neben Windeln, Wirtschaft und Wurstlücke. Ja, die „Wurstlücke“ gibt es wirklich und sie ist nicht der Titel des neuen Romans von Bodo Kirchhoff (der hat den ebenfalls seltsamen Titel “Wiederfahrnis”), sondern eine Lücke im Kartellrecht. Der Wurstfabrikant Tönnies erhielt für zwei Tochterfirmen wegen dreister Preisabsprachen im Rahmen eines „Wurstkartells“ hohe Bußgelder. Daraufhin ließ er diese Firmen einfach mit einer „Konzerninternen Umstrukturierung“ aus dem Handelsregister löschen. Es gab keine Empfänger mehr für das Bußgeld. Dafür bekam die deutsche Sprache ein neues Wort.
Ebenso rätselhaft erschien mir zunächst der Ausdruck „ein Doing haben“, den ein Architekt hinterließ. Ein Begriff aus Konferenzen, erklärte er. Es habe etwas mit Aufgaben zu tun. Endlich mal ein toller Denglisch Begriff, denke ich, so bescheuert, wie man sich nur wünschen kann, zumal in deutscher Aussprache. Ich verliebe mich sogleich. Auf die Schnelle finde ich zwei Quellen. Ein Lexikon amerikanischer Idiome gibt folgende Beispiele: „Bob: Are you busy Saturday night? Bill: Yes, I’ve got something doing. I don’t have anything doing Sunday night. I have something on almost every Saturday.“. Die andere führt zur Gendertheorie, aus der ja immer wieder interessante Sprachimpulse kommen. Candace West und Don Zimmerman haben den Begriff “Doing Gender” geprägt, um darauf hinzuweisen, dass Geschlecht nicht einfach da ist, sondern „gemacht“ wird. Gendertheorie und Alltagsidiom zusammen streuen seitdem in verschiedene Richtungen von „Doing culture“ zu „doing news“. Alles wird „gemacht“ und jeder Mensch hat, bekommt oder braucht ein „doing“. Wow, denke ich und schlage den Bogen. Auch die „überflüssigen Wörter“ waren vermutlich nicht einfach da. Sie wurden „gemacht“. Überflüssiger Weise. Zum Glück gibt es zum Doing das Undoing, also ein Ent-machen. Zumindest ist das zu Hoffen, auch wenn es beim „Doing Klimawandel“ mittlerweile Zweifel gibt, ob das mit dem Un-Doing immer funktioniert. Hier ist vielleicht die „Wurstlücke im Doing“.

Buchmesse Frankfurt 3 – Büro für überflüssige Worte/Open Books

19. Oktober 2016 16:30bis22. Oktober 2016 22:00

Diese Buchmesse ist völlig irre für mich. Neben der Präsentation zweier Gastlandveranstaltungen ist mein “Büro für überflüssige Worte” Teil des fantastischen Open Books Festivals….3 Tage an zwei Orten….Mi/Do. im Kunstverein und Sa. im Römer. Achtung: die Termine und Orte im gedruckten Programm sind durcheinander geraten! Im Online Programm stimmt es.

Open Books I
Mi. 19.10 &  Do. 20.10.16, 16:30 – 21:30 Büro für überflüssige Worte, Kunstverein Frankfurt

Open Books II
22.10., 15:30 – 21:30 Büro für überflüssige Worte, Schwanensaal, Römer, Frankfurt, Open Book Festival – Abschlussperformance: “Deleted” 21 Uhr

Das „Büro für überflüssige Worte“ nimmt Euren persönlichen Wortmüll entgegen: aufgeblasene, bürokratische, diskriminierende, nervige, sperrige, umständliche, unverständliche Wörter, Füllwörter, Modewörter oder einfach unschöne Wörter.

Mit Signatur und Stempel bestätigen Ihr, das abgegebene Wort nicht mehr benutzen zu wollen. Ihr bekommt gratis ein Ersatzwort.

Die abgegebenen Wörter werden einem ökologisch-künstlerischen Recycling zugeführt.

 

Buchmesse Frankfurt 2 – Wortküsten & Sprachpolder

21. Oktober 2016
19:30

Fr. 21.10.2016, 19:30
Hessisches Literaturforum im Mousonturm

Ich darf präsentieren:
Wortküsten & Sprachpolder
Neue Poesie aus Flandern und Niederlanden
Leonard Nolens (Fl), Elvis Peeters (Fl), Rozalie Hirs (Nl), Rodaan al Galidi (NL/Irak), Anneke Brassinga (NL). Special Guest ist der flämische Liedermacher Tijs Delbeke
Moderation: Dirk Hülstrunk

Vielstimmig auf engstem Raum erscheint die niederländisch-flämische Poesie. Klangstark, lyrisch, musikalisch, spielerisch, lakonisch, absurd, multimedial, multikulturell, ländlich, urban, biografisch, universell, persönlich und gesellschaftskritisch, klassisch und experimentell.

Der Frankfurter Autor und Soundpoet Dirk Hülstrunk wird die niederländisch/flämischen Poeten im Gespräch vorstellen und die deutschen Übersetzungen lesen.

Der flämische Songwriter und Rockmusiker Tijs Delbeke begleitet die Veranstaltung musikalisch.

Buchmesse Frankfurt 1 – Soundpoetry Performance – 100 Jahre DADA

17. Oktober 2016
19:30

Noch vor dem offiziellen Beginn der Buchmesse…aber im Rahmen des Gastlandauftritts: Flandern & Niederlande:
Mo. 17.10., 19:30, Haus am Dom
Poezie klinkt anders – eine Hommage an 100 Jahre DADA.
mit Jaap Blonk (Arnheim), Maja Jantars (Ghent), Dirk Huelstrunk (Frankfurt)

Ich freue mich wahnsinnig. Im Rahmen des Buchmesse-Gastlandauftritts Flandern und Niederlande ist es mir gelungen, ist den absoluten Superstar der Soundpoetry Jaap Blonk aus Arnhem und fantastische Sängerin und Soundpoetin Maja Jantar aus Ghent zu einer gemeinsamen Performance mit mir in das Haus am Dom in Frankfurt einzuladen. Jaap präsentiert zusätzlich noch ungewöhnliche Notationen und visuelle Poesie im Rahmen der Ausstellung “Sprachaufzeichnung” am gleichen Ort. Eine DADA – Lautpoesie – Soundpoetry Performance im katholischen “Haus am Dom” – passt das?  Auf jeden Fall ein spannender Kontrast.

Layout 1

 

 

 

 

5 Jahre Unabhängigkeit

25 Jahre Wiedervereinigung. 5 Jahre Unabhängigkeit für mich. Im Oktober 2011 kündigte ich spontan meinen Brotjob mit der vagen Hoffnung als freier Künstler ohne Sicherheitsnetz überleben zu können. Offiziell war ich einen Tag arbeitslos. Dann war ich plötzlich Poesie-Unternehmer und mein eigener Chef. Glücklicherweise bekam ich für die ersten Monate eine Startfinanzierung für Kleinunternehmer vom Staat. Aber ich hätte nicht überleben können ohne die selbslos Unterstützung vieler Freunde und Kollegen. Danke an Euch!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

Juha Valkeapää & ich in Sysmä, Finland, 2011

Es war nicht ganz einfach. Man gerät schon in Stress wenn plötzlich die launische Diva Kunst für das tägliche Brot und die Miete sorgen soll. Kunst soll plötzlich ein Geschäft sein. Und ich mein eigener Chef. Das fiel mir schwer zu akzeptieren. Plötzlich bin ich für alle Entscheidungen ALLEINE verantwortlich. Sich alleine zu disziplinieren und organisieren ist auch eine Kunst, die ich bisher nicht gelernt hatte. Große Überraschung: als “Freier Künstler” besteht ein Großteil meiner Arbeit in Verwaltung. Buchhaltung ist mein steter Albtraum. Die Zahlen sind nicht meine Freunde. Mein “Kreativ Raum” ist kleiner als vorher.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

Meine wunderbare Bühne im Museo Vostell, Malpartida de Caceres, Spain, 2011

Andererseits hab ich grandiose neue Erfahrungen gemacht, musste mich ständig auf neue Situationen und Anforderungen einstellen. Vorträge an indischen Musikhochschulen. Na klar. Workshops für finnische bildende Künstler. Na klar. Klangkompositionen zum Thema “Gärten”. Na klar. Abendfüllendes Soloprogramm in Mexiko. Na klar. Offen gesagt, hatte ich fast immer extremes Muffensausen und die Befürchtung, dass ich das nicht hinbekommen werde. Zu den tollsten Erfahrungen gehört auch, dass ich so eine unerwartet enge Bindung an Finnland entwickelt habe. Dank an den Filmemacher und Kurator Erkki Pirtola und die KONE Stiftung und viele andere Institutionen und Künstler dort.

Überrascht war ich auch, dass sich meine Projekte von der Literatur zunehmend in Richtung Intermedia verlagerten. Ich konnte im Bereich Performance, Klangkunst, Bildende Kunst, Neue Musik nicht nur performen sondern auch Vorträge, Seminare und Workshops halten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

Lecture-Performance an der SfD Schule für Dichtung, Wien, 2013.

Dank geht auch an “Poetry Slam”. Hier habe ich  Bühnenpräsenz, poetische Dynamik und vor allem den Respekt vor dem Publikum gelernt.

Man sagt, dass die meisten Unternehmensgründungen spätestens nach 3 Jahren wieder tot sind. Ich lebe noch – cheers.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

Mein “Independence Day” auf einem Feld nahe Frankfurt, Oktober 2011

Analog Büro in der Arbeitswelt 4.0

Gelegentlich flammt bei mir Sehnsucht nach einem normalen nine-to-five Job auf. Glücklich, wenn ich die zusammen mit meinem Bürokratiefetisch als „Büro für überflüssige Worte“ ausleben darf. „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung – Perspektiven für Unternehmen und Zugewanderte“ lautet der knackige Titel eines Kongresses zu sprachlicher Bildung und beruflicher Integration. Großes Kino in den hehren Hallen der Industrie- und Handelskammer Frankfurt im Börsengebäude. Entscheidungsträger aus Politik, Bildung und Arbeitsmarkt sollten zusammenkommen und in diversen Plenen und Workshops die Möglichkeiten der Sprachförderung von Flüchtlingen ausloten. 400 Teilnehmer aus ganz Deutschland. Eine Messe von Bildungsanbietern. Moderiert von der bekannten Journalistin Canan Topçu. Ein solcher Kongress, so spekuliere ich, muss eine Fundgrube für überflüssige Wörter sein.

Sprachförderung (132)

Baue mein Büro direkt vor dem Hauptkonferenzsaal auf, dem „Plenarsaal“ der IHK und simuliere mit weissem Hemd und Sakko unbeteiligt bedeutsame Geschäftigkeit. Schon bald nach Beginn des Kongresses stürzen die ersten genervten Menschen wieder aus dem Saal. Ich bin froh, dass ich hier draußen die Grußwortorgie verpasse. Immer wieder wanken während des Kongresses erschöpfte Menschen aus dieser Tür, direkt vor mein Büro und verschaffen sich mit einer Wortabgabe Erleichterung. Komme mir zeitweise vor wie der Kongress-Therapeut.

150 „überflüssige“ Wörter werden mir übergeben. Ein kleiner Kernwortschatz, den sich Sprachschüler hart erarbeiten müssten. Allerdings waren Mehrfachnennungen möglich. Top-Unwort des Kongresses ist Eigentlich (9x),  gefolgt von Flüchtling (5x). Migrationshintergrund (3x) und Asylant (2x).
Zeitnah, Schuld, aber, müssen, sozusagen, sind mehrfach genannte Nervbegriffe. Der Rest verteilt sich auf ein breites Spektrum an Floskeln, Füllwörtern, Modewörtern, Bürokratiemonstern und fachsprachlichen Hohlwörtern und Kompetenzphrasen.

Anfangs fürchte ich, dass der eng getaktete Zeitablauf des Kongresses den Teilnehmern gar keine Zeit für eine Wortabgabe lässt. Tatsächlich bilden sich in den kurzen Pausen dicke Menschen-Trauben vor meinem Büro. Ich komme ins Schwitzen und habe Mühe die formalen Regeln des Worttausches aufrecht zu halten. Nach der offiziellen Mittagspause gönne ich mir ebenfalls eine Pause, um  mir die Reste des Buffets anzuschauen. Bringe ein deutlich sichtbares Pausenschild an meinem Büro an. Als ich nur wenig später zurück bin, lassen sich Spuren einer wilden, illegalen Wortabgabe erkennen. Wahllos verstreute Wortkarten und Zettel mit unsignierten und ungestempelten Wörtern. Aus humanitären Gründen nehme ich auch jene Wörter in mein Archiv auf, die nicht formgerecht abgegeben wurden. Sie wegzuwerfen fühlt sich falsch an.

Ein smarter, glatter Anzugmensch mit zurück gegeltem Haar – ganz eilig auf dem Weg zur Börse – findet noch die Zeit mal eben das Wort „Demokratie“ abzugeben. Er signiert auch brav, dass er den Begriff in Zukunft nicht mehr verwenden will. Klischeebild eines windigen Börsenzockers. Seine Erklärung ist verworren und hat etwas mit Marx, der Arbeiterklasse und dem Versagen von irgendwas zu tun. Verstanden habe ich es nicht. Später kommt er noch mal zurück und versucht eine weitere Erklärung, die ich genauso wenig verstehe. Zugegeben, das Wort Demokratie klingt nicht toll. Nicht wie das nach Rotwein und Schwarzpulver duftende Anarchie, eher wie lauwarmer Filterkaffee und Linoleumboden.

Einige Begriffe sind mir nicht so geläufig: Abschiedskultur, Am Gast, Auslegeordnung, Bedarfe, Bundesdurchschnittskostensatz. Auch war mir neu, dass wir bereits zur Arbeitswelt 4.0 upgegradet wurden. Hantiere immer noch mit Web 2.0. Merke immer wieder, wie weit weg von der normalen Arbeitswelt ich bin.

Sprachförderung (105)

Sehr originell und selbst ausgedacht klingt die „Inkompetenzkompensationskompetenz“. Doch das so zeitgenössisch klingende Wortungetüm wurde bereits 1973 von dem Philosophen Odo Marquard geprägt. Und es ging irgendwie um Zuständigkeit oder Nichtzuständigkeit von Philosophie.

Am Nachmittag zeigen sich nicht nur bei den aktiven Teilnehmern des Kongresses sondern auch bei mir Müdigkeitserscheinungen. Einige Kostümdamen tragen die hochhackigen Schuhe bereits in der Hand. Es ist stickig. Fast 30 Grad und ich dampfe im Sakko. Der Blümchenkaffee kann das nicht retten. Aber ich muss durchhalten, bis die große Fishbowl-Diskussion mit Teilnehmern von Bundes- und Landesministerien, Jobcenter, Bundesagentur für Arbeit und Bundesamt für Migration noch mal so richtig für Stimmung sorgt. Schöner neuer Begriff, den aber niemand hergeben will: Fishbowl-Diskussion. Ist wohl grad der Hype.

Im Goldfischglas haben sich wohl einige fette Wörter angestaut und noch einmal wird es voll vor meinem Büro. Da werden im Grunde genommen handlungsorientierte Formate entwickelt, um Instrumente und gefühlt nachhaltige Mattrealijen zu perfekt passgenau verzahnten Herausforderungen zu gestalten.

Das ist sehr schön, sage ich. Aber leider gehen mir grade die Ersatzwörter aus. Doch, doch, die Ersatzwörter gehören unbedingt zum Spiel dazu, beharre ich.

Eigentlich überflüssig

Eigentlich ist das „überflüssigste“ Wort, beim Kongress „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung“ am 31.8. in der Industrie und Handelskammer Frankfurt. Der absolute Mehrfachnennungsrekord im Rahmen aller BüW Projekte.

IMG_0941

Kein modernes „Buzzword“, kein aufgeblasener Manager- oder Bürokratensprech, keine PR-Sprache, kein Anglizismus und kein Denglish-Wortbrei. Eigentlich ist ein schlichtes, sehr altes, sehr deutsches Wort, das bereits seit dem Mittelalter in Gebrauch ist. Was ist das Problem?

Vielleicht die implizierte Relativierung, die vorsichtige Distanzierung, die verborgene Entschuldigung? Der aktuelle Duden definiert eigentlich als „einen meist halbherzigen, nicht überzeugenden Einwand“, der „auf eine ursprüngliche, schon aufgegebene Absicht hinweise“ (Zitat: Online Duden, Sept. 2016).

Vermutlich möchten die hier versammelten Menschen aus Wirtschaft und Bildungsinstitutionen ja wirklich etwas für die Integration von Flüchtlingen tun. Vermutlich haben sie die besten Absichten. Eigentlich. Aber so einfach geht es eben nicht. Es gibt so viele Hindernisse. Bürokratische, Sprachliche, Kulturelle, Strukturelle. Eigentlich standen ihm alle Möglichkeiten offen. Eigentlich sind wir gute Menschen. Aber in der Realität müssen wir uns eben anpassen. Eigentlich bist Du ja ganz toll integriert, aber leider müssen wir Dich trotzdem abschieben. Eigentlich würde ich ja gerne mehr für dich tun, aber die Strukturen lassen es leider nicht zu.

Kann es sein, dass eigentlich die Menschen nervt, weil es symptomatisch für die Kluft von Anspruch und Wirklichkeit steht? Eine Kluft, die im sozialen Bereich, in der Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten besonders weit auseinanderklafft?

Oder ist man nach fast 1000 Jahren auf den Trichter gekommen, dieses Wort endlich in der klassischen Füllwörterkiste zu entsorgen. Ein Wort, das man irgendwie immer benutzt, wenn man um den heissen Brei herum redet. Und dann gilt es auch noch als “rechtschreiblich schwierig” (siehe Online Duden). Ein Grund mehr, es loszuwerden?

Sprachförderung (97)

Übrigens diagnostizierte Theodor W. Adorno bereits 1964 einen „Jargon der Eigentlichkeit“, eine geschwollene Sprache von Funktionsträgern:

Der Jargon fungiere als „Kennmarke vergesellschafteter Erwähltheit”, edel und anheimelnd in eins; Untersprache als Obersprache; der Jargon verwende “marktgängige Edelsubstantive”, Worte die “klingen als ob sie Höheres sagten, als was sie bedeuten”, die sakral sind ohne sakralen Gehalt, Effekt sind als Wirkung ohne Ursache, die ein “nicht vorhandenes Geheimnis” vorgeben, die eine “Himmelfahrt des Wortes, als wäre der Segen von oben in ihm zu lesen” suggerieren, ein “ständiges Tremolo” und eine “präfabrizierte Ergriffenheit”. Der Jargon erstrecke sich von der Philosophie und Theologie nicht bloß Evangelischer Akademien über die Pädagogik, über Volkshochschulen und Jugendbünde bis zur gehobenen Redeweise von Deputierten aus Wirtschaft und Verwaltung“ (JdE 9/416). Charakteristisch für ihn seien „signalhaft einschnappende Wörter“ (JdE 9/417), die Adorno auf Heideggers Leitkategorie der Eigentlichkeit zurückführt.
Zitat nach https://de.wikipedia.org/wiki/Jargon_der_Eigentlichkeit