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Hervorgehoben

100 Jahre Dada

Termine:
31.8.16, 9-17 Uhr, Büro für überflüssige Worte, im Kongress “Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung” der GffB, IHK Frankfurt, Wortabgabe online (bis 31.8.)
3.9.16, Workshop Sprache & Improtheater, Kreativfabrik Wiesbaden
17.9.16, 20 Uhr, Moderation Song Slam Frankfurt, Orange Peel Club
8.10.2016, 20 Uhr, fümms bö wö – 100 Jahre DADA Lautpoesie, Jugenheim
9.10.2016, 20 Uhr, fümms bö wö – 100 Jahre Dada Lautpoesie, Hanau
15.10.16, 20 Uhr, Moderation Song Slam Frankfurt, Orange Peel Club
17.10.16, 20 Uhr, Poezie klinkt anders – Sound Poetry Performance mit Jaap Blonk (NL), Maja Jantar (FL), Haus am Dom, Frankfurt
19.-20.10.16, 16:30 – 21:30 Büro für überflüssige Worte, Kunstverein Frankfurt, Open Book Festival
21.10.16, 20 Uhr Moderation: Wortküsten & Sprachpolder, neue Poesie aus Flandern und den Niederlanden, Hessisches Literaturforum im Mousonturm
22.10., 15:30 – 21:30 Büro für überflüssige Worte, Schwanensaal, Römer, Frankfurt, Open Book Festival – Abschlussperformance: “Deleted” 21 Uhr
29.10., 18 Uhr – fümms bö wö – 100 Jahre DADA Lautpoesie, Kronberger Kulturnacht.

 

Analog Büro in der Arbeitswelt 4.0

Gelegentlich flammt bei mir Sehnsucht nach einem normalen nine-to-five Job auf. Glücklich, wenn ich die zusammen mit meinem Bürokratiefetisch als „Büro für überflüssige Worte“ ausleben darf. „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung – Perspektiven für Unternehmen und Zugewanderte“ lautet der knackige Titel eines Kongresses zu sprachlicher Bildung und beruflicher Integration. Großes Kino in den hehren Hallen der Industrie- und Handelskammer Frankfurt im Börsengebäude. Entscheidungsträger aus Politik, Bildung und Arbeitsmarkt sollten zusammenkommen und in diversen Plenen und Workshops die Möglichkeiten der Sprachförderung von Flüchtlingen ausloten. 400 Teilnehmer aus ganz Deutschland. Eine Messe von Bildungsanbietern. Moderiert von der bekannten Journalistin Canan Topçu. Ein solcher Kongress, so spekuliere ich, muss eine Fundgrube für überflüssige Wörter sein.

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Baue mein Büro direkt vor dem Hauptkonferenzsaal auf, dem „Plenarsaal“ der IHK und simuliere mit weissem Hemd und Sakko unbeteiligt bedeutsame Geschäftigkeit. Schon bald nach Beginn des Kongresses stürzen die ersten genervten Menschen wieder aus dem Saal. Ich bin froh, dass ich hier draußen die Grußwortorgie verpasse. Immer wieder wanken während des Kongresses erschöpfte Menschen aus dieser Tür, direkt vor mein Büro und verschaffen sich mit einer Wortabgabe Erleichterung. Komme mir zeitweise vor wie der Kongress-Therapeut.

150 „überflüssige“ Wörter werden mir übergeben. Ein kleiner Kernwortschatz, den sich Sprachschüler hart erarbeiten müssten. Allerdings waren Mehrfachnennungen möglich. Top-Unwort des Kongresses ist Eigentlich (9x),  gefolgt von Flüchtling (5x). Migrationshintergrund (3x) und Asylant (2x).
Zeitnah, Schuld, aber, müssen, sozusagen, sind mehrfach genannte Nervbegriffe. Der Rest verteilt sich auf ein breites Spektrum an Floskeln, Füllwörtern, Modewörtern, Bürokratiemonstern und fachsprachlichen Hohlwörtern und Kompetenzphrasen.

Anfangs fürchte ich, dass der eng getaktete Zeitablauf des Kongresses den Teilnehmern gar keine Zeit für eine Wortabgabe lässt. Tatsächlich bilden sich in den kurzen Pausen dicke Menschen-Trauben vor meinem Büro. Ich komme ins Schwitzen und habe Mühe die formalen Regeln des Worttausches aufrecht zu halten. Nach der offiziellen Mittagspause gönne ich mir ebenfalls eine Pause, um  mir die Reste des Buffets anzuschauen. Bringe ein deutlich sichtbares Pausenschild an meinem Büro an. Als ich nur wenig später zurück bin, lassen sich Spuren einer wilden, illegalen Wortabgabe erkennen. Wahllos verstreute Wortkarten und Zettel mit unsignierten und ungestempelten Wörtern. Aus humanitären Gründen nehme ich auch jene Wörter in mein Archiv auf, die nicht formgerecht abgegeben wurden. Sie wegzuwerfen fühlt sich falsch an.

Ein smarter, glatter Anzugmensch mit zurück gegeltem Haar – ganz eilig auf dem Weg zur Börse – findet noch die Zeit mal eben das Wort „Demokratie“ abzugeben. Er signiert auch brav, dass er den Begriff in Zukunft nicht mehr verwenden will. Klischeebild eines windigen Börsenzockers. Seine Erklärung ist verworren und hat etwas mit Marx, der Arbeiterklasse und dem Versagen von irgendwas zu tun. Verstanden habe ich es nicht. Später kommt er noch mal zurück und versucht eine weitere Erklärung, die ich genauso wenig verstehe. Zugegeben, das Wort Demokratie klingt nicht toll. Nicht wie das nach Rotwein und Schwarzpulver duftende Anarchie, eher wie lauwarmer Filterkaffee und Linoleumboden.

Einige Begriffe sind mir nicht so geläufig: Abschiedskultur, Am Gast, Auslegeordnung, Bedarfe, Bundesdurchschnittskostensatz. Auch war mir neu, dass wir bereits zur Arbeitswelt 4.0 upgegradet wurden. Hantiere immer noch mit Web 2.0. Merke immer wieder, wie weit weg von der normalen Arbeitswelt ich bin.

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Sehr originell und selbst ausgedacht klingt die „Inkompetenzkompensationskompetenz“. Doch das so zeitgenössisch klingende Wortungetüm wurde bereits 1973 von dem Philosophen Odo Marquard geprägt. Und es ging irgendwie um Zuständigkeit oder Nichtzuständigkeit von Philosophie.

Am Nachmittag zeigen sich nicht nur bei den aktiven Teilnehmern des Kongresses sondern auch bei mir Müdigkeitserscheinungen. Einige Kostümdamen tragen die hochhackigen Schuhe bereits in der Hand. Es ist stickig. Fast 30 Grad und ich dampfe im Sakko. Der Blümchenkaffee kann das nicht retten. Aber ich muss durchhalten, bis die große Fishbowl-Diskussion mit Teilnehmern von Bundes- und Landesministerien, Jobcenter, Bundesagentur für Arbeit und Bundesamt für Migration noch mal so richtig für Stimmung sorgt. Schöner neuer Begriff, den aber niemand hergeben will: Fishbowl-Diskussion. Ist wohl grad der Hype.

Im Goldfischglas haben sich wohl einige fette Wörter angestaut und noch einmal wird es voll vor meinem Büro. Da werden im Grunde genommen handlungsorientierte Formate entwickelt, um Instrumente und gefühlt nachhaltige Mattrealijen zu perfekt passgenau verzahnten Herausforderungen zu gestalten.

Das ist sehr schön, sage ich. Aber leider gehen mir grade die Ersatzwörter aus. Doch, doch, die Ersatzwörter gehören unbedingt zum Spiel dazu, beharre ich.

Eigentlich überflüssig

Eigentlich ist das „überflüssigste“ Wort, beim Kongress „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung“ am 31.8. in der Industrie und Handelskammer Frankfurt. Der absolute Mehrfachnennungsrekord im Rahmen aller BüW Projekte.

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Kein modernes „Buzzword“, kein aufgeblasener Manager- oder Bürokratensprech, keine PR-Sprache, kein Anglizismus und kein Denglish-Wortbrei. Eigentlich ist ein schlichtes, sehr altes, sehr deutsches Wort, das bereits seit dem Mittelalter in Gebrauch ist. Was ist das Problem?

Vielleicht die implizierte Relativierung, die vorsichtige Distanzierung, die verborgene Entschuldigung? Der aktuelle Duden definiert eigentlich als „einen meist halbherzigen, nicht überzeugenden Einwand“, der „auf eine ursprüngliche, schon aufgegebene Absicht hinweise“ (Zitat: Online Duden, Sept. 2016).

Vermutlich möchten die hier versammelten Menschen aus Wirtschaft und Bildungsinstitutionen ja wirklich etwas für die Integration von Flüchtlingen tun. Vermutlich haben sie die besten Absichten. Eigentlich. Aber so einfach geht es eben nicht. Es gibt so viele Hindernisse. Bürokratische, Sprachliche, Kulturelle, Strukturelle. Eigentlich standen ihm alle Möglichkeiten offen. Eigentlich sind wir gute Menschen. Aber in der Realität müssen wir uns eben anpassen. Eigentlich bist Du ja ganz toll integriert, aber leider müssen wir Dich trotzdem abschieben. Eigentlich würde ich ja gerne mehr für dich tun, aber die Strukturen lassen es leider nicht zu.

Kann es sein, dass eigentlich die Menschen nervt, weil es symptomatisch für die Kluft von Anspruch und Wirklichkeit steht? Eine Kluft, die im sozialen Bereich, in der Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten besonders weit auseinanderklafft?

Oder ist man nach fast 1000 Jahren auf den Trichter gekommen, dieses Wort endlich in der klassischen Füllwörterkiste zu entsorgen. Ein Wort, das man irgendwie immer benutzt, wenn man um den heissen Brei herum redet. Und dann gilt es auch noch als “rechtschreiblich schwierig” (siehe Online Duden). Ein Grund mehr, es loszuwerden?

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Übrigens diagnostizierte Theodor W. Adorno bereits 1964 einen „Jargon der Eigentlichkeit“, eine geschwollene Sprache von Funktionsträgern:

Der Jargon fungiere als „Kennmarke vergesellschafteter Erwähltheit”, edel und anheimelnd in eins; Untersprache als Obersprache; der Jargon verwende “marktgängige Edelsubstantive”, Worte die “klingen als ob sie Höheres sagten, als was sie bedeuten”, die sakral sind ohne sakralen Gehalt, Effekt sind als Wirkung ohne Ursache, die ein “nicht vorhandenes Geheimnis” vorgeben, die eine “Himmelfahrt des Wortes, als wäre der Segen von oben in ihm zu lesen” suggerieren, ein “ständiges Tremolo” und eine “präfabrizierte Ergriffenheit”. Der Jargon erstrecke sich von der Philosophie und Theologie nicht bloß Evangelischer Akademien über die Pädagogik, über Volkshochschulen und Jugendbünde bis zur gehobenen Redeweise von Deputierten aus Wirtschaft und Verwaltung“ (JdE 9/416). Charakteristisch für ihn seien „signalhaft einschnappende Wörter“ (JdE 9/417), die Adorno auf Heideggers Leitkategorie der Eigentlichkeit zurückführt.
Zitat nach https://de.wikipedia.org/wiki/Jargon_der_Eigentlichkeit

 

Ein Stich in den Radioäther: Dirk Hülstrunk, Jaromir Typlt auf Kunstradio Ö1

31. Juli 2016
23:00

Kunstradio Ö1, 31.7.2016, 23 Uhr. Livestream: http://www.kunstradio.at/2016B/31_07_16.html

Letztes Jahr konnte ich im Rahmen meines Prag Stipendiums gemeinsam mit dem tschechischen Autor Jaromir Typlt eine Version des dadaistischen Klanggedichtes “Totenklage” von Hugo Ball im Tschechischen Rundfunk aufnehmen. Nun wurden wir 2. im europäischen Radiokunst Preis “Palma Ars Acustica”. 

Original Ankündigung auf Ö1:

„Totenklage“ von Jaromír Typlt und Dirk Huelstrunk. Auch zu diesem Stück gibt es einen Beipackzettel des tschechischen Rundfunks – dort steht: “Hundert Jahre nach der Eröffnung des Cabaret Voltaire senden wir – recht prosaisch – ein Aggregat von Gedichten von Hugo Ball, einem der Gründer der Dada-Bewegung, in den Äther. Heute gehören seine sechs Klangedichte zum klassischen Kanon, und sie werden sowohl als Originalaufnahmen zitiert, als auch in unzähligen Neuproduktionen. Figurativ gesprochen, verschmelzen diese Interpretationen zu einem Rauschen, dessen originale Bedeutung in der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts verloren gegangen ist. Die Rückkehr zu den auf gewisse Weise „fossilen“ Ursprüngen der Produktion von Bedeutung in gesprochener Sprache, ist eine Rückkehr zu einer rein akustischen Sprache. Sie enthält, immer noch aktuell, ein Moment der Suche nach Grenzen zwischen Poetik, Unbeständigkeit und der Gefahr gestammelter Worte. TOTENKLAGE ist eines von sechs Klanggedichten von Hugo Ball. Aufnahmen dieser Gedichte wurden dank der Zusammenarbeit des tschechischen Autors und Performers Jaromir Typlt und dem deutschen Dichter und Performer Dirk Hülstrunk, der im Frühwinter 2015 Gastkünstler des Prager Literaturhauses war, angefertigt. Die Aufnahmen wurden im Zuge der Vorbereitungen einer umfassenden, vierteiligen Avantgarde Cabaret Suite mit dem Titel BALLONAIR gemacht, die erstmals am 17. Jänner 2016 im Zuge des Euroradio Ars Acustica special evening zum Art’s Birthday in der Nationalgalerie Prag zur Aufführung gekommen ist. Wie die Gründer der Dada-Bewegung den Namen angeblich gefunden hatten, indem sie mit einem Taschenmesser in ein Wörterbuch gestochen haben, so wird hier mit diesem Konzept experimentiert – das Gedicht TOTENKLAGE ist ein Stich in den Radio-Äther.” Dauer 7 Minuten 3 Sekunden “

 

 

 

 

fümms bö wö – 100 Jahre DADA Lautpoesie – eine Hommage

31. Juli 2016
20:00bis21:30

um 100- Geburtstag von DADA eine Hommage an die dadaistische Lautpoesie und die künstlerischen Helden meiner rebellischen Jugend.
Wie keine andere Bewegung symbolisiert DADA den Bruch mit den bürgerlichen Kunstkonventionen des 19. Jahrhunderts. DADA war Revolte – ästhetisch und politisch. Viele Entwicklungen in der modernen Kunst nach dem 2. Weltkrieg wären ohne DADA nicht möglich gewesen. Noch heute wirken die Provokationen von DADA verstörend. DADA als „Unsinnskunst“ zu verstehen, verharmlost. DADA zielt auf das Innerste im Menschen – seinen absurden Versuch aus ALLEM Sinn zu generieren. DADA hat vor allem in die Kunst gewirkt. Collage, Montage, Performance, Film. Doch DADA kommt aus der Sprache, der Sprachverzweiflung, dem Sprachspiel, der Satire, der Sprachzertrümmerung, der Lautabstraktion. Neben Cut-up und Textcollage gehört die LAUTPOESIE zu den wichtigsten Innovationen von DADA.Ohne die Pionierarbeit von DADA wäre die heutige Performancepoesie kaum denkbar.
DADA stand am Anfang meiner künstlerischen Entwicklung. DADA hat mir Augen und Ohren geöffnet.
Im Mittelpunkt des Programms stehen die drei grossen Meister der dadaistischen Lautpoesie Hugo Ball, Raould Hausmann und Kurt Schwitters.

Teile des Programms wurden in den letzten Monaten in Indien, Finnland, Mexiko, Tschechien, präsentiert. Besonderer Dank geht an die chilenische Künstlerin Pia Sommer, mit der ich die Ursonate im Goethe Institut Mexiko City präsentieren konnte und an Jaromir Typlt, mit dem ich die “Totenklage” von Hugo Ball in Prag aufnehmen konnte. Ein Einspielung die den 2. Platz des europäischen Radiokunstwettbewerbes “Prix Palma Ars Acustica” erreichte.

 

“Playing with words” Sound Art Anthologie – wieder erhältlich

Playing with words – the spoken word in artistic practice, hrsg von Cathy Lane, CRISAP Institute, London 2010 ist wieder erhältlich.

Eine der besten internationalen Anthologien über die gegenwärtige Avantgardeszene und ihre Arbeit mit Sprache. Mit Beiträgen von Laurie Anderson bis Pamela Z. Und eine der ersten internationalen Sound Art Anthologien, in denen ich vertreten bin.

Playing with words war auch ein Live-Festival mit ausgewählten Künstlern des Buches (Jaap Blonk, Jörg Piringer, Nye Parry, Ansuman Biswas, Sianed Jones und mir in Frankfurt, das ich gemeinsam mit CRISAP organisieren durfte, eine hr2 Kultursendung.

Dazu hat das Frankfurter Label Gruenrekorder eine Doppel-CD und ein Video des Festivals publiziert.

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2. Platz beim Palma Ars Acustica Preis

24. Juni 2016
0:05bis0:30

Letztes Jahr konnte ich im Rahmen meines Prag Stipendiums gemeinsam mit dem tschechischen Autor Jaromir Typlt eine Version des dadaistischen Klanggedichtes “Totenklage” von Hugo Ball im Tschechischen Rundfunk aufnehmen. Nun wurden wir 2. im europäischen Radiokunst Preis “Palma Ars Acustika”. gemeinsam mit der Gewinnersendung sind wir am 24.6. um 00:05 im Deutschland Radio Kultur zu hören.

 

Büro für überflüssige Worte auf Radio X am So. 5.6., 12-13 Uhr

So. 5.6.2016, 12-13 Uhr
Livestream: www.radiox.de

Mit einer Einführung und Ausschnitten aus der Live-Performance von Dirk Hülstrunk mit dem Aktionskünstler und Asphaltbibliothekar Brandstifter am 31.5. im BiKuZ Frankfurt-Höchst. Die Sendung ist anschliessend (ca. 10-14 Tage nach der Ursendung)  im Podcast-Archiv von Kulturnetz Frankfurt e.V. zu finden.

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Büro für überflüssige Worte – Stadtbücherei Frankfurt-Höchst 4

Worte oder Wörter? Was ist eigentlich der Unterschied? Geht beides und in welchem Fall oder muss es in jedem Fall Wörter heißen. Ein Anrufer, der bei hr2 kultur von meinem Projekt gehört hat, stellt die peinliche Frage. Ich weiß es nicht. Peinlich für einen Germanisten und Autor. Zugegeben, ein kniffliger Sonderfall der deutschen Sprache. Tatsächlich gib es nur im Deutschen für das Wort „Wort“ zwei Plurale.

Die ehrwürdige „Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“ mahnt, den „Reichtum“ der deutschen Sprache zu erhalten und den inhaltlichen Unterschied zwischen beiden Formen zu respektieren. Der Duden erklärt: „Wörter“ bezeichnet beliebige einzelne Wörter, Wörter als lexikalische Einheit – alle Wörter mit x, zum Beispiel. Worte sind hingegen besondere, große Worte, aber auch Wortgruppen und Begriffe, z.B. die „letzten Worte“, das „die Worte Buddhas“, aber auch Aussprüche, Beteuerungen, Erklärungen.

Gute Frage: Geht es in meinem Büro um Wörter oder um Worte? Muss ich mein Büro umbenennen? Einerseits möchte ich alle möglichen Wörter, die Menschen nicht mehr brauchen. Andererseits haben diese Wörter als „überflüssige“ schon eine besondere Bedeutung, die über das Einzelwort hinausgeht. Ich nehme ja auch feststehende Begriffe auf, die aus mehreren Wörtern bestehen. Ich glaube, es treffen beide Bedeutungen zu. Eine Entscheidung fällt mir daher nicht leicht.

Im Übrigen geht es mir gar nicht so sehr um sprachliche Dudenkorrektheit. Als Künstler darf man sich zum Glück Freiheiten nehmen. Sonst wäre ich wohl Lehrer geworden. Apropos Korrektheit. Am ersten Tag wurde ich von einem arglistigen Lehrer gefragt, auf wie viele Wörter ich den Deutschen Wortschatz schätze. Eine fiese Fangfrage, denn schon der Duden selbst weist darauf hin, dass eine exakte Schätzung unmöglich ist, weil ständig neue Wörter gebildet und aus anderen Sprachen entlehnt werden. Und die Frage, was denn ein „deutsches“ Wort ist, lässt sich auch nicht beantworten. Zu sehr ist die deutsche Sprache von Anfang an klanglich und kulturell durchmischt – wie vermutlich die meisten Sprachen.

Leichter lässt sich scheinbar der durchschnittliche aktive Wortschatz eines deutschen Sprechers ermitteln. Duden gibt ihn mit 12 000 – 15 000 an. Der durchschnittliche passive Wortschatz läge hingegen bei ca. 50 000 Wörtern. Die Schwankungsbreite dürfte jedoch erheblich sein.

Eines dieser „Wörter“ ist „Äppler“. Jemand möchte es aus seinem Wortschatz streichen. Offenbar kein Freund des sauren Stöffchens. Irrtum. Im Gegenteil. Ein traditionsbewusster Apfelweinkelterer auf dem Weg zum einem Kongress über das „Älterwerden“ klärt mich auf:  „Äppler“ sei ein Kunstbegriff, der von zwei Großkeltereien zu PR-Zwecken kreiert wurde. Der echte hessische Mundartbegriff sei „Ebbelwoi“ oder „Stöffche“. Ich muss zugeben, ich habe auch schon den ein oder anderen „Äppler“ bestellt. Er geht leichter über die Lippen, wenn man kein Mundartsprecher ist. Immerhin, versuche ich mich zu verteidigen, hat die „Äppler“ Kampagne das saure Getränk weit über Hessen hinaus populär gemacht. Eine gelungene PR-Strategie. Das ist doch eigentlich gut für die Apfelweinwirtschaft.

Ein weiteres Fettnäpfchen wartet auf mich, als mich der HR für ein Interview direkt im Büro anruft. Der HR hatte seine Hörer gebeten, sich an der Aktion per Telefon zu beteiligen. Neben dem typischen Unwort „Gutmensch“ hat auch jemand „genau“ als überflüssig gebrandmarkt. Ich merke sofort peinlich berührt, dass ich dieses Wort im Gespräch mit dem HR-Redakteur vor fast jeden Satz hänge. Selbst in vollem ertapptem Bewusstsein klebe ich das Wort wieder und wieder an meine Sätze, ein Sprachautomatismus, dem ich nicht entkommen kann. Andererseits hat das Wort aber auch eine Funktion, denke ich. Ich bestätige im Gespräch mein Gegenüber, stelle eine gemeinsame Gesprächsbasis und Vertrauen her. Ein typisches Verhalten am Anfang eines Gespräches, eine Variante des „Spiegelns“ vielleicht. Im Laufe des Gesprächs werde ich – wie viele andere – zunehmend kritischer.

Der Kongress zum Älterwerden spült auch einen heimatvertriebenen Schlesier an meinen Stand. Er möchte keine Worte abgeben. Die deutsche Sprache ist ihm wichtig, Wort für Wort. Außer den schlimmen Jugendwörtern. Wörtern mit „V“. Aber die will er nicht in den Mund nehmen und noch weniger aufschreiben. Nach dem Krieg hätte man ihm in Polen die deutsche Sprache rausgeprügelt und russisch und polnisch reingeprügelt. Später hätte er die Sprache mühsam neu lernen müssen. Jetzt will er sie behalten. Wort für Wort. Außer vielleicht, er grübelt angestrengt, außer „Hallo“. So eine respektlose Begrüßung. Das ist doch kein deutsches Wort, empört er sich.

Bei den jüngeren Besuchern sind erste Suchtverhaltensweisen erkennbar. Einige kommen jeden Tag wieder und drängen alle ihre Freunde, auch ein Wort abzugeben. Besonders eifrig ist ein junges Mädchen, das am letzten Tag zusammen mit ihrer Mädchenclique mindestens vier Mal auftaucht und jedes Mal noch ein Wort und noch ein Wort abgibt. Dann zieht sie sich kurz zurück, dann kommt sie wieder mit noch einem Wort und hat gleich drauf noch eins. “Besserwisser” ist nur eins von vielen…in der Tat ein unangenehmes Wort und auch ein unangenehmer Geselle. Sie überlässt mir so viele Wörter, dass ich Angst bekomme, ihr Wortschatz könnte ernsthaft Schaden nehmen. Nein, ich kann jetzt nicht jeden Tag hier sein und Wörter einsammeln, antworte ich auf ihre Frage. Vielleicht würde sie am liebsten ihre ganzen Worte hergeben und gegen Neue eintauschen.

Als ich einpacke, steht sie immer noch in der Nähe. Aber diesmal ist ein Mann bei ihr, vermutlich ihr Vater. Sie stehen ganz eng beisammen. Das Mädchen, das eben noch übersprudelte vor Ideen, ist jetzt ganz stumm und steif und sieht traurig aus. Ich frage sie, ob sie noch ein Wort hat, aber sie schütteln nur kurz den Kopf, ohne mich anzusehen. Ich frage den vermeintlichen Vater, aber auch er schüttelt nur kurz den Kopf. Dennoch bleiben beide lange stehen und schauen mir zu, wie ich abbaue.

Büro für überflüssige Worte – Stadtbücherei Frankfurt-Höchst 3

Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Muss man davon ausgehen, dass wir auch zu viele Wörter haben, die zu viele überflüssige Dinge bezeichnen? Je mehr Dinge wir besitzen, desto schwieriger ist das Abgeben. Vielleicht kann man das zehn Jahre alte T-Shirt ja noch als Putzlappen gebrauchen. Vielleicht kann man das Tonbandgerät des Grossvaters noch reparieren. Und all die neuen und fast neuen Dinge. Stabmixer, Handys, Espressomaschine, iPad, 3-D-Drucker. Und wie ist das mit Bologna-Reform und Bachelor? Da hat man soviel investiert, das kann man doch nicht einfach wegwerfen. Das wäre doch nicht „nachhaltig“ (eines meiner Lieblingsunwörter).

Je jünger die Besucher, je kleiner ihr Wortschatz, desto leichtfertiger geben sie ihre Worte her. Worte kosten nichts, sollte man meinen und es heißt, man soll Worte NICHT auf die Goldwaage legen. Doch jedes Wort musste gelernt werden. Das erzeugt Bindungen und Besitzansprüche. Manche behaupten, ihnen falle gar kein überflüssiges Wort ein, andere sagen, sie bräuchten ALLE Worte – ja, auch die BÖSEN. Man kann nie wissen, wann man sie gebrauchen kann.

Heute kommen viele Sprachschüler. Eine Italienerin möchte „Unmenschlichkeit“ loswerden. Klingt wirklich schrecklich. Schwer auszusprechen, schwer zu schreiben und schwer zu ertragen…dennoch allgegenwärtig.

Zwei Äthiopier entscheiden sich nach längerer Diskussion für das Wort „Entschuldigung“. Ein großes, schweres Wort….ein Wort wie heftiger Seegang mit dunklen Gewitterwolken. Da wird einem finster um´s Gemüt. Außerdem hören wir immer wieder – man soll sich nicht entschuldigen, sondern zu dem stehen, was man tut und sagt. Entschuldigung ist ein Synonym für mangelndes Selbstvertrauen. Wenn es leichter von den Lippen gehen würde, würden wir es vielleicht häufiger einsetzen, aber so…..

Eine Französin möchte nicht vor „Achtung!“ stramm stehen. Ein Wort, bei dem man zusammen zuckt und an die Abgründe der deutschen Geschichte denken muss. Weg damit. Aber ach…..das Wort hat ja noch eine andere Bedeutung. Die Achtung vor dem Menschen. Ein Wort der Bewunderung, des Respekts….das sollte dann doch erhalten bleiben.

Den Kanaken herzugeben, fällt einem türkisch-stämmigen Jugendlichen schwer. Ein schlimmes Wort. Eine Beleidigung. Andererseits – auch ein Wort, das man manchmal wie eine Auszeichnung trägt. Die schlimmsten, beleidigenden Wörter lassen sich manchmal positiv umwerten. Funktioniert aber nicht immer. In der Linguistik nennt man diese Umwertung  „Geusen“. Das umgewertete Wort ist ein „Geusenwort“. Klingt ziemlich bescheuert und dürfte kaum bekannt sein. Da müsste mal was Besseres her. Für den Umgang mit diskriminierenden Wörtern gibt es übrigens auch den Begriff „Stigma Management“….brrrr. Neben Werbetextern, Medien, Politikern und fehlgeleiteten Jugendlichen sind auch die Soziologen geübte Unworterfinder.

“Schwul” ist auch so ein „Geusenwort“. Ursprünglich ein Schimpfwort, wird es mittlerweile auch als positive Selbstbezeichnung benutzt. Nur die Schüler wissen davon noch nichts. Auf dem Schulhof gehört es neben “behindert” zu den Klassikern der Beleidigungen. Eine multikulturell pubertierende Dreiergruppe druckst und flüstert vor meinem Schreibtisch und sondert schliesslich „Schwulette“ ab. Soll wohl beleidigend sein, klingt aber ganz nett, oder?

Daneben wurden aber auch Liebe, Hase, Reiskorn und selbst der Tod entsorgt. Mit dem „Tod“ ist es umgekehrt wie mit der „Entschuldigung“. Tod spricht sich zu leicht, fast läppisch angesichts des gigantischen Mysteriums, dass sich mit all seinen Ängsten und Erwartungen dahinter verbirgt. Wollen wir den Tod schon mit der Sprache an den Rand unseres Lebens drängen? Eine einfache Lösung wäre es, die Begriffe Tod und Entschuldigung auszutauschen. Dann ist doch alles im Lot und ich könnte nach Hause gehen.

Ach ja, hr2kultur war vor Ort….die Redakteurin beginnt gleich mir zu assistieren und hält alten wie jungen Passanten, Müllmännern und Toilettenfrauen erst mal das Mikrophon mit dem HR Logo unter die Nase und fordert „ein überflüssiges Wort“ – aber pronto. “Bürolandschaft” hat sie erjagt. Ein spannendes Wort, klingt paradox und nach einem zeitgenössischen Euphemismus. Ist aber ein Konzept aus den 1950er Jahren. Die Redakteurin hat auch selbst ein Wort abzugeben. “Anmutung” findet sie ganz grässlich. Gesendet wird der Beitrag am Di., 31.5., 6:45 und 10:25 bei hr2kultur.