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Hervorgehoben

Büro für überflüssige Worte beim Open Books Festival, Buchmesse Frankfurt,
Video: Stuttgarter Zeitung, 23.10.2016. Zum Artikel

News:

Etwa 100 Publikationen im ganzen deutschsprachigen Raum berichteten über das “Büro für überflüssige Worte” bei Open Books/Buchmesse Frankfurt. hier Pressespiegel

Nov/Dez. bin ich Schulkünstler an der IGS Nordend, Frankfurt im Rahmen des Kulturtagjahres der ALTANA Stiftung

Aktuelle Termine:

Di. 12.12.16, zu Gast in der Radiosendung “Moment – Leben heute” im ORF/Ö1. Mediathek 7 Tage

16.-20.11. No more mono, Soundpoetry, Ars Poetica, Cafe Berlinka, Bratislava.

Sa. 12.11. Nie mehr mono, Huellkurven Release Concert. u.a. mit Martin Bakero (Chile), Thomas Havlik (A), HUT – Hinterhof Unter Terrain, Wien


 

iKind alternativlos

BüW auf der Fachtagung „Inklusion und Teilhabe im Übergang von der Schule in den Beruf“, 21.-22.11.2016, Hamburg

Das Büro für überflüssige Worte wird zur Kinderklappe. Abgegeben werden gleich mehrere iKinder. Was sind das für Kinder? Warum sind sie so unbeliebt?

Das iKind ist keine neue Erfindung von Apple. Kein Smartchild mit benutzerfreundlicher Oberfläche. Man kann es nicht mit dem Daumen steuern. Das iKind ist eine Erfindung der deutschen Bildungsbürokratie, ein Versuch die UN-Behindertenkonvention umzusetzen.

Das iKind steht im Innersten der Inklusionsdebatte, auch wenn es in der Öffentlichkeit nicht so genannt wird. Während Bildungstheoretiker gerne haarfein austarierte, alle Befindlichkeiten berücksichtigende, aber oft unaussprechliche Wortkonstrukte schaffen, halten Praktiker schlichte Abkürzungen dagegen, die alle sprachlichen Rücksichten fallen lassen und am Ende wieder ein schnell klebendes Label erzeugen.

Aus den diskriminierten Sonderschülern werden Inklusions-Schüler. Aus den Inklusions-Schülern werden iKinder. iKinder sind wie alle Kinder. Fast. Sie können nicht immer alles, was alle anderen Kinder können. Sie sind keine Normkinder. Sie sind manchmal zu langsam, zu laut, hören, sehen oder verstehen schlecht. Sie sind körperlich oder geistig beeinträchtigt, manchmal sozial und emotional vernachlässigt. Früher wurden solche Kinder meist ausgesondert auf eine „Sonderschule“. Inklusion versucht, diese Aussonderung rückgängig zu machen und sie in Regelschulen zu integrieren. Dort sollen behinderte Kinder und nicht-behinderten Kindern voneinander lernen. Die einen sollen motiviert werden, die anderen Toleranz lernen und Vielfalt (Diversity) akzeptieren.

Eine schöne Idee, die aber in der Praxis einige Probleme hervorruft. Kein Wunder, dass das iKind mitunter als Problemkind gesehen wird, nicht nur bei Mitschülern, sondern auch bei gestressten Pädagogen.

Das iKind hat Geschwister, die ich bisher nicht kannte. Der Hamburger Bildungssenator Tim Rabe stellt die “LSE-Kinder” vor. Klingt nach einer ansteckenden Seuche. Tatsächlich verbergen sich dahinter Kinder mit einem diagnostizierten Defizit in den Bereichen Lernen, Soziales und emotionale Entwicklung. Mit anderen Worten, sie sind verhaltensauffällig und/oder lernbehindert. Im Rahmen der Inklusion wird auch diesen Kindern spezieller Förderbedarf zuerkannt. LSE scheint tatsächlich ansteckend zu sein. Die LSE-Kinder vermehren sich auffällig. Sie sind die eigentlichen iKinder.

Insgesamt geben die Kongressteilnehmer auffällig viele i-Wörter als überflüssig ab. „Inkludent“ ist vermutlich die Eindeutschung des lateinischen „includent“ und eine Ableitung des lateinischen Verbs „includere“, das so viel wie „einschließen, verhaften, einsperren“ bedeutet. Die alten Römer hatten offenbar eine weniger positive Vorstellung von „Inklusion“. Das verwandte „inkludiert“ kennt man aus der Preisgestaltung. Ein langer Weg eines Wortes. Nun hat es sich als Fachterminus im Bildungsbereich festgesetzt und nebenbei das ältere “Integration” weitgehend verdrängt. Vielen Inklusionsprofis gilt “Integration” gar als diskriminierendes Unwort, da sie es als Anpassung interpretieren.

Im Englischen steht das vorangestellte „i“ (gesprochen „ei“) für „intelligent“. Im Deutschen weckt das lang gezogene, haarnadelspitze „i“ leider ganz andere Assoziationen.

„Alternativlos“ ist neben den i-Wörtern das beliebteste überflüssige Wort des Kongresses. Das Wort ist eng mit Angela Merkel assoziiert, seit sie damit 2009 die staatliche Bankenrettung nach der Finanzkrise von 2008 rechtfertigte. 2010 wurde es von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum „Unwort des Jahres“ gewählt. Kein neues Wort, aber eines mit „nachhaltiger“ Wirkung. Ein stoisches „Weiter so“. Ein Wort, das sogar die Gründung einer neuen Partei angeregt hat. Vielleicht ist es die Alternativlosigkeit, die den iKindern zu schaffen macht. Einmal iKind, immer iKind. Oder iJugendlicher. Oder iErwachsener. Oder iSeniorIn.

 

Trotz Stellenhülse von Unterschiedlichkeit betroffen.

BüW auf der Fachtagung „Inklusion und Teilhabe im Übergang von der Schule in den Beruf“, 21.-22.11.2016, Hamburg

Wo gehobelt wird, da fallen Späne, heißt es. Wo geredet wird, fallen überflüssige Wörter an und auf, sage ich und platziere Schreibtisch und Topfpflanze am Rande des Kongress-Saales.

Komisch, bei dem Wort „inklusiv“ fällt mir gleich das Gegenteil ein. „Exklusiv“ war doch bis vor kurzem noch ein positiv besetzter Begriff für das „Besondere“, „Außerordentliche“, „Einzigartige“, den „Exklusiv-Urlaub“, dessen Besonderheit oft in einem „all-inclusive“ besteht. Ich denke an Exklusiv-Nachrichten und Interviews. Exklusivität für Alle. An diesem Ort ist „exklusiv“ aber ein Unwort, das für Abgrenzung und Ausgrenzung steht.

Mein erster Eindruck: hier hat sich eine durchaus exklusiv-distinguierte Gesellschaft aus den Leitungsebenen sozial relevanter Institutionen versammelt. Interessante Frage: wieviel haben Ihre Sprache ihre Lebenswirklichkeit mit ihrer Inklusionsklientel zu tun. Einfache oder leichte Sprache ist ein großes Thema im Rahmen der Inklusion, doch zu den meisten Fachvorträgen ist dieses Konzept scheinbar nicht vorgedrungen. Immerhin sehe ich unter den ca. 400 Teilnehmern mindestens eine Rollstuhlfahrerin. Und die Moderatorin ist blind, aber ziemlich auf Zack.

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Das BüW hat einen Platz im Plenarsaal. Leider in der hintersten Ecke, hinter einer schweren Doppeltür, die sich „aus technischen Gründen“ nicht öffnen lässt. Die Teilnehmer betreten und verlassen den Saal durch eine Tür auf der anderen Seite. Werde aus der Distanz misstrauisch beäugt. Versuche hinter meinem Schreibtisch eine offene und zugewandte Haltung einzunehmen. Aber wie soll ich mit Menschen Kontakt aufnehmen, die in mehr als drei Meter Entfernung vorbei hasten. So ist es also, mittendrin im Abseits zu sein. Ob es sich für Inklusionskinder in Regelschulen auch so anfühlt?

Immerhin bekomme ich so einen Teil der spannenden Vorträge mit. Es geht um den unerklärlichen Zuwachs von „LSE-Kindern“ mit Defiziten in den Bereichen Lernen, Soziales, Emotionen (früher hätte man „lernbehindert“ und „verhaltensauffällig“ gesagt), Nachteilsausgleich und Berufseinstiegsbegleitung. Ich erfahre von engen und weiten Inklusionsbegriffen. Von der Inklusion von Menschen mit Behinderungen und der Inklusion „aller von Diversität betroffenen Menschen“.

Wow. Von „Unterschiedlichkeit“ betroffen. Das betrifft eigentlich jeden Menschen – mehr oder weniger. Ganz sicher bin ich von Unterschiedlichkeit betroffen. Sogar sehr. Bin kein Bildungs- oder Inklusionsexperte. Habe mich als dickköpfiger Künstler mit extremem Individualitäts- und Freiheitsfetisch freiwillig von der Mehrheitsgesellschaft abgesondert. Und doch darf ich hier sein. Am Rand, aber dabei. Immerhin ist der Rand immer eine gute Beobachterposition. Aber ich bin ja nicht nur zum Beobachten hier.

Nutze die Mittagspause, um meine Inklusion in diesen Kongress voranzutreiben. Schiebe mein Büro kurzerhand vor die Tür ins Foyer, mitten in die Masse der wortgeschwängerten, hungrigen, durstigen Kongressteilnehmer. Hemdkragen werden gelockert, Blusen gelüftet, Kaffee verschüttet. Es gibt ein Bedürfnis zu reden. Manche sind jetzt übervoll mit Wörtern und gelegentlich schwappen sie über auf meinen Schreibtisch. Sobald die Ersten hier stehen und schauen, greift das Gesetz der Neugier und der Nachahmung. Aus einzelnen Interessierten werden kleine Gruppen. Wo eine Gruppe steht, scheint etwas los zu sein. Hier kann abgestempelt werden! Mit dem Abstempeln von Wörtern haben die Kongressteilnehmer keine Probleme.

Abgestempelt werden:  „Ausbildungsreife“, „Finanzierungsvorbehalt“ „Rehabilitationspädagogischen Zusatzausbildung“. „Übergangslösung“ und „Warteschleife“ müssen dran glauben ebenso wie „zielführende“ „Zeitfenster“ mit „Pilotprojekten“ und „Eingliederungsvereinbarung“. Auch „handlungsorientiert“ „gegenderte“ „Dunkelziffern“ sorgen für Sprachfrust. Vor allem wenn sie in „europaweiten Ausschreibungsverfahren“ in „gefühlte“ „Stellenhülsen“ gegossen werden.

„Stellenhülse“! Was für ein fantastisches neues Wort aus den sprachlichen Denkfabriken des öffentlichen Dienstes. Offiziell existiert es nicht. Es ist in keinem Lexikon zu finden. Und doch ist es da. Es bezeichnet etwas, das nicht existiert, aber verwaltet werden muß. Ist das Existenzialismus oder Zen? Manche behaupten, es ginge um formale Scheinstellen, die weder finanziert noch besetzt seien. Die präziseste Beschreibung stammt von der Uni-Göttingen. Am Anfang war die Hülse, dann kam die Tarifgruppe, gefolgt von der Stelle. Und am Ende schlüpft ein Mensch herein, vielleicht, oder auch nicht. Zumindest in Göttingen.

„Diese Hülsen sind Kostenstellen (Abteilungen, GZG oder Fakultät) zugeordnet. Jede Hülse ist durch eine Tarifgruppierung charakterisiert (z.B. TVL-E6). Bei Neu- oder Wiederbesetzungen ist darauf zu achten, dass die Stelle entsprechend der Tarifgruppe für die Hülse ausgeschrieben wird. Eine Besetzung auf einer höheren Gruppe erfordert das Vorhandensein einer entsprechenden Hülse auf Ebene der Kostenstelle. Ist eine solche Hülse nicht vorhanden, kann keine Besetzung nach einer höheren Tarifgruppe geschehen. Das gilt unabhängig vom Vorhandensein notwendiger Mittel.“
https://www.uni-goettingen.de/de/organisation/368220.html

 

Zu Gast im ORF – “Moment – Leben heute”

Am 13.12.16 war ich zu Gast in der Sendung “Moment – Leben heute” im ORF. Mit Redakteur Jonathan Scheucher unterhielt ich mich über den Sinn und Unsinn von Füllwörtern und natürlich mein “Büro für überflüssige Worte”. Auch ein bisher unpubliziertes Füllwortgedicht von mir wurde gelesen.
Nachzuhören in der Mediathek: http://oe1.orf.at/programm/455432

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Buchmesse, war da was?

Dieses Buchmesse hat für mich extrem gerockt, obwohl ich weder ein neues Buch veröffentlicht habe, noch überhaupt auf der Messe selbst war.

Mit meinem “Büro für überflüssige Worte” beim Open Books Festivals insgesamt 250 „überflüssige Wörter“ eingesammelt und gegen ebenso viele Fantasiewörter ausgetauscht. Im Handbetrieb.

In etwa 80 Publikationen in Deutschland, Österreich, Schweiz (hier allein 35x) und Liechtenstein ist ein ausführlicher dpa Artikel erschienen. BILD, BILD der Frau und Focus druckten den Artikel, die Portale wetter.de und t-online verbreiteten mich. Die Stuttgarter Zeitung brachte nicht nur einen eigenen Bericht sondern auch noch einen Filmbeitrag über das Projekt. Der ORF hat mich zum Interview nach Wien eingeladen.

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Foto: Alex Vladi

 

Auch die beiden Veranstaltungen im Rahmen des Gastlandprogramms: „Poezie klinkt anders“ (Hier Bericht von Alex Vladi)  im Haus am Dom mit Soundpoetry von Jaap Blonk, Maja Jantars und mir und „Wortküsten und Sprachpolder“ mit aktueller flämisch-niederländischer Lyrik, die ich moderieren durfte haben super funktioniert und waren bestens besucht. Besondere Ehre und Sahnehäubchen, daß uns der flämische Popstar/Songwriter Tijs Delbeke musikalisch begleitet hat. (Kleines Salzkorn in der Sahne: ich war den ganzen Abend über nicht in der Lage seinen Namen korrekt auszusprechen.)
Obendrauf noch ein Stadtspaziergang mit den niederländisch-flämischen AutorInnen Anneke Brassinga (NL), Miriam van Hee, Elvis Peeters und Nicole van Bael und Rozalie Hirs mit Frankfurter Lunch im „Atschel“. Krass gute, vielseitige, grenzüberschreitende und sehr musikalische AutorInnen.

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Foto: Katarina Ivanisevic

Mahlzeit – überflüssige Wörter bei Open Books 3

Ortswechsel. Aufbau des Büros in der mittelalterlichen Schwanenhalle des alten Frankfurter Rathauses Römer, Ort des ältesten Frankfurter Literaturfestivals. Durchgangshalle mit Lesesofas und Büchertischen. Bis zu drei Lesungen parallel in den Hallen nebenan. Jeder Laut wird durch die hohen Hallen verstärkt. Das Schieben eines Stuhls, selbst das Fallen eines Stiftes lässt mich den Atem anhalten. Direkt gegenüber hat sich ein Caterer mit Suppe und Brezeln platziert.  Vielleicht erklärt das, warum das heutige Unwort des Tages „Mahlzeit“ lautet.

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Gemeint ist nicht die „Mahlzeit“ als Gericht, sondern der in vielen Firmen und Büro übliche Mittagsgruß, eine schnell und oft gesagte Floskel, ebenso wie „Gesundheit“, „Guten Tag“, „Hallo“, „wie geht´s“.  Doch keine der anderen Floskeln hat ein derartiges Erregungspotenzial. Wo ist das Problem? Ursprünglich hieß es mal „gesegnete Mahlzeit“. Wird die Kürzung als Blasphemie empfunden? Als unanständige Profanisierung?

Ich höre diesen Gruß fast nie, arbeite ja auch selbstständig, und frühstücke meist noch, wenn andere schon in die Mittagspause eilen. Immerhin habe ich auch einen Büroarbeitsplatz, aber hier sagt niemand Mahlzeit.

Zugegeben, das Wort ist nicht mehr taufrisch, stammt vermutlich aus dem Mittelalter. Mahlzeit bezeichnet die festgelegte Zeit zum Essen. In vielen Firmen gibt es bis heute streng und eng gelegte Mittagspausen. Vielleicht ist das die Quelle der Erregung: der Zwang, dass alle Kollegen zur gleichen Zeit ein Standard-Kantinen-Essen zu sich nehmen müssen. Je nach Qualität der Kantine und dem Verhältnis zu den Kollegen kann diese Zwangspause durchaus unangenehm werden. Mittagzeit ist auch die Zeit des Kollegentratsches, im schlimmsten Fall auch des Mobbing. Dazu die Anstrengung diese Floskel in großen Firmen extrem oft in den Mund nehmen zu müssen, der Zwang jedem einzelnen Kollegen ein „Mahlzeit“ hinwerfen zu müssen. Das kann ermüden.

Jemand schreibt zu „Mahlzeit“ in mein Gästebuch: „hingeworfen, weil es immer so war, ohne Nachdenken, was es für den Angesprochenen bedeutet, spießig, miefig, übrig geblieben.“

Mein Verdacht: alle unangenehmen Aspekte der Büroarbeit in großen Firmen werden in diesen Begriff hineinprojiziert. Monotonie und standardisierte Wiederkehr der gleichen Abläufe, Zwang zur Anpassung, automatisierte Floskelhaftigkeit der Kommunikation, Frust darüber, dass selbst die Mittagspause den gleichen Zwängen unterworfen ist, wie die Arbeitszeit. Und der Klang? Erinnert das vielstimmige „Mahlzeit“ nicht an das Blöken einer Herde Kühe?

Neben „Mahlzeit“ kommt heute auch wieder „eigentlich“ zum Zuge. Mein Trick: ich habe alle „eigentlich“ Karten von meiner Pinnwand entfernt und hänge die neuen auch nicht gleich auf. So glauben alle, sie wären die ersten, die dieses Wort abgeben. Eigentlich, aber, sozusagen stehen auf meiner Hitliste „überflüssiger Wörter“ heute ganz oben. Offenbar ein Ausdruck für die Sehnsucht der Menschen nach einer klaren, eindeutigen Sprache (in einer klaren, eindeutigen Welt). Kann man verstehen, bei der aktuellen Unübersichtlichkeit des Seins. Relativierungen sind nicht beliebt. Andererseits, denke ich, wenn wir nicht mehr relativieren könnten, wenn wir nur noch auf unseren (eindeutigen) Positionen beharren, werden Zusammenleben und gegenseitiges Verständnis nicht grade erleichtert. Wie soll ich differenzieren, wenn ich nicht mehr „ja, aber sagen“ kann, einerseits oder andererseits abwägen und auf den „eigentlichen“ Kern meiner Idee hinweisen kann?

Vielfalt entsorgen, Gummilippe riskieren. Überflüssige Wörter bei Open Books 2

20.10.2016, Kunstverein Frankfurt, Open Books Festival, Buchmesse Frankfurt

„Eigentlich“ ist das unangefochtene Unwort des gestrigen Tages. dpa war zu Besuch. In zahlreichen heute erschienen Artikeln wird “eigentlich” gleich zum „verhasstesten deutschen Wort“ gekürt. Gemach, möchte ich ihnen zurufen. Die empirische Grundlage ist dünn. Von 70 Besuchern haben 7 also 10 Prozent eigentlich abgegeben. Aber ich bin ja kein Meinungsforschungsinstitut sondern ein Kunstprojekt. Doch solche Feinheiten zählen nicht mehr, wenn 50 gleich lautende Artikel in ganz Deutschland, Schweiz, Österreich und Liechtenstein erscheinen, darunter solche Schwergewichte wie BILD und Focus, aber auch so interessante Presseerzeugnisse wie die Appenzeller Nachrichten und die sächsische Volksstimme.
Gestern war gestern und heute ist heute. Und heute will niemand mehr „eigentlich“ abgeben, obwohl es vielen auf der Zunge liegt. Die Präsentation auf den Pinnwänden beinflusst neue Besucher bei ihrer Wahl. Niemand will ein Wort abgeben, das andere schon abgegeben haben.

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Dass sich die Besucher um die Vielfalt der ungeliebten Wörter sorgen ist lobenswert. Allerdings wird dabei auch das Wort „Vielfalt“ selbst entsorgt. Zumindest die Vielfalt in „bestimmten Kontexten“. Die Dame möchte nicht missverstanden werden. Aha, sage ich. Meinen Sie vielleicht die „Vielfalt“ im Rahmen eines bürokratischen „Vielfaltsmanagements“? Genau, ruft die Dame erleichtert aus. Klanglich wie semantisch wirklich grauenvoll. Die Eindeutschung zu „Vielfaltsverwaltung“ macht es auch nicht besser. Ein klassischer Oxymoron, ein Widerspruch in sich.
„Diversity Managment“ ist eigentlich eine Methode des Personalmanagements in großen globalen Konzernen. Diskriminierung am Arbeitsplatz zu vermeiden, ist sinnvoll. Aber der Begriff bekommt einen schalen Beigeschmack, wenn “Vielfalt“ zur Werbefloskel und zum Verkaufsargument wird. In der Praxis geht es den globalen Konzernen selten um echte Vielfalt, viel öfter um Vereinheitlichung und Standardisierung von Arbeitsprozessen und Produkten, um stromlinienförmige Mitarbeiter und DIN genormte Kunden.
Mittlerweile hat auch die Politik das „Diversity Managment“ entdeckt, ein Paradies für wichtigtuerische Floskeln und die komplizierte Formulierung von Banalitäten. Auch die Politik wirbt gerne mit „Vielfalt“ und versucht diese ebenso wie die Wirtschaft in „Diversity Standards“ zu vereinheitlichen und dann in werbewirksamen Botschaften zu verkaufen.

Wenig später erscheint eine junge Abgeordnete der Anne-Frank-Stiftung und präsentiert mir das Ergebnis kollektiver und heiß diskutierter Wortmüllsammlung. Fühle mich geehrt und nehme einen bunten Blumenstrauß an politisch unkorrekten Begriffen entgegen: Volk, Kopftuchmädchen, Farbige, Fremdenfeindlichkeit, Gender-Wahn, Kulturkreis, Islamkritik, Israelkritik und schließlich das offenbar schlimmste Wort, eines mit Z. Die junge Frau zögert. Wenn sie das Wort jetzt abgibt, dann steht es ja für alle sichtbar an meiner Tafel. Tja, das ist eben die spannende Dialektik meines Projektes. Ich beruhige sie. Abgegebene Worte behaupte ich, verlieren durch den Stempel „überflüssig“ alle negative Kraft. Schließlich gibt sie sich einen Ruck und schreibt: Zigeunerschnitzel.

Am Ende des Tages werde ich noch mit einer „Gummilippe“ konfrontiert. Die Besucherin zählt es zu den „ekelhaftesten“ Wörtern, die sie kennt. Stimmt, klingt ein wenig pervers. Nur, was ist das? Im Duden ist der Begriff sowenig zu finden wie auf Wikipedia. Gleichwohl, es lebt, unter anderem in Baumärkten. Meine Wort-Kundin wurde beim Studieren einer Bedienungsanleitung für einen Fensterputzer für ihr Leben traumatisiert. Ich hoffe ehrlich, dass ihr die Wortabgabe zu einem neuen unbeschwerten Leben hilft.

Wurstlücke im Doing. Überflüssige Wörter bei Open Books 1

19.10.2016, Tag 1 Kunstverein, Open Books Festival, Buchmesse Frankfurt

Mein Büro im Zentrum von Open Books, dem großen Frankfurter Lesefestival zur Buchmesse, mitten im Foyer des Kunstvereins, schön eingerahmt von den beiden geschwungenen Treppen. Noch bevor ich alle Flyer und Wortkarten und Stifte und Stempel ausgepackt habe und die neu erworbene künstliche Topfpflanze platziert habe, noch bevor überhaupt Einlass ist, bekomme ich die ersten beiden Wörter überreicht.
„Sale“ und das schöne deutsche Verwaltungskompositum „Konsolidierungsbeitrag“. Erst denke ich an Halle an der Saale. Es dauert, bis es klickt, dass das englische „Sale“ gemeint ist….der große Ausverkauf, Rausverkauf.
Wörter, die etwas mit Geld zu tun haben, denke ich, sind nicht beliebt. „Sale“ brüllt einem in guter amerikanischer Tradition seine Botschaft direkt, knallhart und ohne Umschweife in die Nerven. In guter deutscher Vernebelungstradition steht dagegen der schwammig-euphemistische „Konsolidierungsbeitrag“. Ich muss lange nachdenken, ohne dass mir eine wirklich schlüssige Definition einfällt. Eines der vielen neuen Wörter für „Sparmassnahme“?

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Mein Büro ist ein seltsam unliterarischer Ort. Irgendwo im Hintergrund kann ich einen Büchertisch erkennen. In Schüben kommen Besucher und hasten zu den drei parallelen Lesungen in den 2 Stockwerken über mir. Zu hören ist nur der Applaus. Ich hatte ein wenig gehofft, geschwollene Literaturbegriffe ernten zu können. Doch entsorgt werden überwiegend Alltagsfloskeln, Füllwörter. Tages-Unwort ist erneut das unschuldige „eigentlich“, über das ich schon an anderer Stelle geschrieben habe.
Auch fehlen die bösen Wörter der aktuellen politischen Debatten mit einer Ausnahme. „Völkisch“ wird entsorgt neben Windeln, Wirtschaft und Wurstlücke. Ja, die „Wurstlücke“ gibt es wirklich und sie ist nicht der Titel des neuen Romans von Bodo Kirchhoff (der hat den ebenfalls seltsamen Titel “Wiederfahrnis”), sondern eine Lücke im Kartellrecht. Der Wurstfabrikant Tönnies erhielt für zwei Tochterfirmen wegen dreister Preisabsprachen im Rahmen eines „Wurstkartells“ hohe Bußgelder. Daraufhin ließ er diese Firmen einfach mit einer „Konzerninternen Umstrukturierung“ aus dem Handelsregister löschen. Es gab keine Empfänger mehr für das Bußgeld. Dafür bekam die deutsche Sprache ein neues Wort.
Ebenso rätselhaft erschien mir zunächst der Ausdruck „ein Doing haben“, den ein Architekt hinterließ. Ein Begriff aus Konferenzen, erklärte er. Es habe etwas mit Aufgaben zu tun. Endlich mal ein toller Denglisch Begriff, denke ich, so bescheuert, wie man sich nur wünschen kann, zumal in deutscher Aussprache. Ich verliebe mich sogleich. Auf die Schnelle finde ich zwei Quellen. Ein Lexikon amerikanischer Idiome gibt folgende Beispiele: „Bob: Are you busy Saturday night? Bill: Yes, I’ve got something doing. I don’t have anything doing Sunday night. I have something on almost every Saturday.“. Die andere führt zur Gendertheorie, aus der ja immer wieder interessante Sprachimpulse kommen. Candace West und Don Zimmerman haben den Begriff “Doing Gender” geprägt, um darauf hinzuweisen, dass Geschlecht nicht einfach da ist, sondern „gemacht“ wird. Gendertheorie und Alltagsidiom zusammen streuen seitdem in verschiedene Richtungen von „Doing culture“ zu „doing news“. Alles wird „gemacht“ und jeder Mensch hat, bekommt oder braucht ein „doing“. Wow, denke ich und schlage den Bogen. Auch die „überflüssigen Wörter“ waren vermutlich nicht einfach da. Sie wurden „gemacht“. Überflüssiger Weise. Zum Glück gibt es zum Doing das Undoing, also ein Ent-machen. Zumindest ist das zu Hoffen, auch wenn es beim „Doing Klimawandel“ mittlerweile Zweifel gibt, ob das mit dem Un-Doing immer funktioniert. Hier ist vielleicht die „Wurstlücke im Doing“.

Buchmesse Frankfurt 3 – Büro für überflüssige Worte/Open Books

19. Oktober 2016 16:30bis22. Oktober 2016 22:00

Diese Buchmesse ist völlig irre für mich. Neben der Präsentation zweier Gastlandveranstaltungen ist mein “Büro für überflüssige Worte” Teil des fantastischen Open Books Festivals….3 Tage an zwei Orten….Mi/Do. im Kunstverein und Sa. im Römer. Achtung: die Termine und Orte im gedruckten Programm sind durcheinander geraten! Im Online Programm stimmt es.

Open Books I
Mi. 19.10 &  Do. 20.10.16, 16:30 – 21:30 Büro für überflüssige Worte, Kunstverein Frankfurt

Open Books II
22.10., 15:30 – 21:30 Büro für überflüssige Worte, Schwanensaal, Römer, Frankfurt, Open Book Festival – Abschlussperformance: “Deleted” 21 Uhr

Das „Büro für überflüssige Worte“ nimmt Euren persönlichen Wortmüll entgegen: aufgeblasene, bürokratische, diskriminierende, nervige, sperrige, umständliche, unverständliche Wörter, Füllwörter, Modewörter oder einfach unschöne Wörter.

Mit Signatur und Stempel bestätigen Ihr, das abgegebene Wort nicht mehr benutzen zu wollen. Ihr bekommt gratis ein Ersatzwort.

Die abgegebenen Wörter werden einem ökologisch-künstlerischen Recycling zugeführt.

 

Buchmesse Frankfurt 2 – Wortküsten & Sprachpolder

21. Oktober 2016
19:30

Fr. 21.10.2016, 19:30
Hessisches Literaturforum im Mousonturm

Ich darf präsentieren:
Wortküsten & Sprachpolder
Neue Poesie aus Flandern und Niederlanden
Leonard Nolens (Fl), Elvis Peeters (Fl), Rozalie Hirs (Nl), Rodaan al Galidi (NL/Irak), Anneke Brassinga (NL). Special Guest ist der flämische Liedermacher Tijs Delbeke
Moderation: Dirk Hülstrunk

Vielstimmig auf engstem Raum erscheint die niederländisch-flämische Poesie. Klangstark, lyrisch, musikalisch, spielerisch, lakonisch, absurd, multimedial, multikulturell, ländlich, urban, biografisch, universell, persönlich und gesellschaftskritisch, klassisch und experimentell.

Der Frankfurter Autor und Soundpoet Dirk Hülstrunk wird die niederländisch/flämischen Poeten im Gespräch vorstellen und die deutschen Übersetzungen lesen.

Der flämische Songwriter und Rockmusiker Tijs Delbeke begleitet die Veranstaltung musikalisch.

Buchmesse Frankfurt 1 – Soundpoetry Performance – 100 Jahre DADA

17. Oktober 2016
19:30

Noch vor dem offiziellen Beginn der Buchmesse…aber im Rahmen des Gastlandauftritts: Flandern & Niederlande:
Mo. 17.10., 19:30, Haus am Dom
Poezie klinkt anders – eine Hommage an 100 Jahre DADA.
mit Jaap Blonk (Arnheim), Maja Jantars (Ghent), Dirk Huelstrunk (Frankfurt)

Ich freue mich wahnsinnig. Im Rahmen des Buchmesse-Gastlandauftritts Flandern und Niederlande ist es mir gelungen, ist den absoluten Superstar der Soundpoetry Jaap Blonk aus Arnhem und fantastische Sängerin und Soundpoetin Maja Jantar aus Ghent zu einer gemeinsamen Performance mit mir in das Haus am Dom in Frankfurt einzuladen. Jaap präsentiert zusätzlich noch ungewöhnliche Notationen und visuelle Poesie im Rahmen der Ausstellung “Sprachaufzeichnung” am gleichen Ort. Eine DADA – Lautpoesie – Soundpoetry Performance im katholischen “Haus am Dom” – passt das?  Auf jeden Fall ein spannender Kontrast.

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