Neues

Hervorgehoben

100 Jahre Dada

Termine:
31.8.16, 9-17 Uhr, Büro für überflüssige Worte, im Kongress “Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung” der GffB, IHK Frankfurt, Wortabgabe online (bis 31.8.)
3.9.16, Workshop Sprache & Improtheater, Kreativfabrik Wiesbaden
17.9.16, 20 Uhr, Moderation Song Slam Frankfurt, Orange Peel Club
8.10.2016, 20 Uhr, fümms bö wö – 100 Jahre DADA Lautpoesie, Jugenheim
9.10.2016, 20 Uhr, fümms bö wö – 100 Jahre Dada Lautpoesie, Hanau
15.10.16, 20 Uhr, Moderation Song Slam Frankfurt, Orange Peel Club
17.10.16, 20 Uhr, Poezie klinkt anders – Sound Poetry Performance mit Jaap Blonk (NL), Maja Jantar (FL), Haus am Dom
19.-20.10.16, 16:30 – 21:30 Büro für überflüssige Worte, Kunstverein Frankfurt, Open Book Festival
21.10.16, 20 Uhr Moderation: Wortküsten & Sprachpolder, neue Poesie aus Flandern und den Niederlanden, Hessisches Literaturforum im Mousonturm
22.10., 15:30 – 21:30 Büro für überflüssige Worte, Schwanensaal, Römer, Frankfurt, Open Book Festival – Abschlussperformance: “Deleted” 21 Uhr
29.10., 18 Uhr – fümms bö wö – 100 Jahre DADA Lautpoesie, Kronberger Kulturnacht.

 

Ein Stich in den Radioäther: Dirk Hülstrunk, Jaromir Typlt auf Kunstradio Ö1

31. Juli 2016
23:00

Kunstradio Ö1, 31.7.2016, 23 Uhr. Livestream: http://www.kunstradio.at/2016B/31_07_16.html

Letztes Jahr konnte ich im Rahmen meines Prag Stipendiums gemeinsam mit dem tschechischen Autor Jaromir Typlt eine Version des dadaistischen Klanggedichtes “Totenklage” von Hugo Ball im Tschechischen Rundfunk aufnehmen. Nun wurden wir 2. im europäischen Radiokunst Preis “Palma Ars Acustica”. 

Original Ankündigung auf Ö1:

„Totenklage“ von Jaromír Typlt und Dirk Huelstrunk. Auch zu diesem Stück gibt es einen Beipackzettel des tschechischen Rundfunks – dort steht: “Hundert Jahre nach der Eröffnung des Cabaret Voltaire senden wir – recht prosaisch – ein Aggregat von Gedichten von Hugo Ball, einem der Gründer der Dada-Bewegung, in den Äther. Heute gehören seine sechs Klangedichte zum klassischen Kanon, und sie werden sowohl als Originalaufnahmen zitiert, als auch in unzähligen Neuproduktionen. Figurativ gesprochen, verschmelzen diese Interpretationen zu einem Rauschen, dessen originale Bedeutung in der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts verloren gegangen ist. Die Rückkehr zu den auf gewisse Weise „fossilen“ Ursprüngen der Produktion von Bedeutung in gesprochener Sprache, ist eine Rückkehr zu einer rein akustischen Sprache. Sie enthält, immer noch aktuell, ein Moment der Suche nach Grenzen zwischen Poetik, Unbeständigkeit und der Gefahr gestammelter Worte. TOTENKLAGE ist eines von sechs Klanggedichten von Hugo Ball. Aufnahmen dieser Gedichte wurden dank der Zusammenarbeit des tschechischen Autors und Performers Jaromir Typlt und dem deutschen Dichter und Performer Dirk Hülstrunk, der im Frühwinter 2015 Gastkünstler des Prager Literaturhauses war, angefertigt. Die Aufnahmen wurden im Zuge der Vorbereitungen einer umfassenden, vierteiligen Avantgarde Cabaret Suite mit dem Titel BALLONAIR gemacht, die erstmals am 17. Jänner 2016 im Zuge des Euroradio Ars Acustica special evening zum Art’s Birthday in der Nationalgalerie Prag zur Aufführung gekommen ist. Wie die Gründer der Dada-Bewegung den Namen angeblich gefunden hatten, indem sie mit einem Taschenmesser in ein Wörterbuch gestochen haben, so wird hier mit diesem Konzept experimentiert – das Gedicht TOTENKLAGE ist ein Stich in den Radio-Äther.” Dauer 7 Minuten 3 Sekunden “

 

 

 

 

fümms bö wö – 100 Jahre DADA Lautpoesie – eine Hommage

31. Juli 2016
20:00bis21:30

um 100- Geburtstag von DADA eine Hommage an die dadaistische Lautpoesie und die künstlerischen Helden meiner rebellischen Jugend.
Wie keine andere Bewegung symbolisiert DADA den Bruch mit den bürgerlichen Kunstkonventionen des 19. Jahrhunderts. DADA war Revolte – ästhetisch und politisch. Viele Entwicklungen in der modernen Kunst nach dem 2. Weltkrieg wären ohne DADA nicht möglich gewesen. Noch heute wirken die Provokationen von DADA verstörend. DADA als „Unsinnskunst“ zu verstehen, verharmlost. DADA zielt auf das Innerste im Menschen – seinen absurden Versuch aus ALLEM Sinn zu generieren. DADA hat vor allem in die Kunst gewirkt. Collage, Montage, Performance, Film. Doch DADA kommt aus der Sprache, der Sprachverzweiflung, dem Sprachspiel, der Satire, der Sprachzertrümmerung, der Lautabstraktion. Neben Cut-up und Textcollage gehört die LAUTPOESIE zu den wichtigsten Innovationen von DADA.Ohne die Pionierarbeit von DADA wäre die heutige Performancepoesie kaum denkbar.
DADA stand am Anfang meiner künstlerischen Entwicklung. DADA hat mir Augen und Ohren geöffnet.
Im Mittelpunkt des Programms stehen die drei grossen Meister der dadaistischen Lautpoesie Hugo Ball, Raould Hausmann und Kurt Schwitters.

Teile des Programms wurden in den letzten Monaten in Indien, Finnland, Mexiko, Tschechien, präsentiert. Besonderer Dank geht an die chilenische Künstlerin Pia Sommer, mit der ich die Ursonate im Goethe Institut Mexiko City präsentieren konnte und an Jaromir Typlt, mit dem ich die “Totenklage” von Hugo Ball in Prag aufnehmen konnte. Ein Einspielung die den 2. Platz des europäischen Radiokunstwettbewerbes “Prix Palma Ars Acustica” erreichte.

 

“Playing with words” Sound Art Anthologie – wieder erhältlich

Playing with words – the spoken word in artistic practice, hrsg von Cathy Lane, CRISAP Institute, London 2010 ist wieder erhältlich.

Eine der besten internationalen Anthologien über die gegenwärtige Avantgardeszene und ihre Arbeit mit Sprache. Mit Beiträgen von Laurie Anderson bis Pamela Z. Und eine der ersten internationalen Sound Art Anthologien, in denen ich vertreten bin.

Playing with words war auch ein Live-Festival mit ausgewählten Künstlern des Buches (Jaap Blonk, Jörg Piringer, Nye Parry, Ansuman Biswas, Sianed Jones und mir in Frankfurt, das ich gemeinsam mit CRISAP organisieren durfte, eine hr2 Kultursendung.

Dazu hat das Frankfurter Label Gruenrekorder eine Doppel-CD und ein Video des Festivals publiziert.

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2. Platz beim Palma Ars Acustica Preis

24. Juni 2016
0:05bis0:30

Letztes Jahr konnte ich im Rahmen meines Prag Stipendiums gemeinsam mit dem tschechischen Autor Jaromir Typlt eine Version des dadaistischen Klanggedichtes “Totenklage” von Hugo Ball im Tschechischen Rundfunk aufnehmen. Nun wurden wir 2. im europäischen Radiokunst Preis “Palma Ars Acustika”. gemeinsam mit der Gewinnersendung sind wir am 24.6. um 00:05 im Deutschland Radio Kultur zu hören.

 

Büro für überflüssige Worte auf Radio X am So. 5.6., 12-13 Uhr

So. 5.6.2016, 12-13 Uhr
Livestream: www.radiox.de

Mit einer Einführung und Ausschnitten aus der Live-Performance von Dirk Hülstrunk mit dem Aktionskünstler und Asphaltbibliothekar Brandstifter am 31.5. im BiKuZ Frankfurt-Höchst. Die Sendung ist anschliessend (ca. 10-14 Tage nach der Ursendung)  im Podcast-Archiv von Kulturnetz Frankfurt e.V. zu finden.

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Büro für überflüssige Worte – Stadtbücherei Frankfurt-Höchst 4

Worte oder Wörter? Was ist eigentlich der Unterschied? Geht beides und in welchem Fall oder muss es in jedem Fall Wörter heißen. Ein Anrufer, der bei hr2 kultur von meinem Projekt gehört hat, stellt die peinliche Frage. Ich weiß es nicht. Peinlich für einen Germanisten und Autor. Zugegeben, ein kniffliger Sonderfall der deutschen Sprache. Tatsächlich gib es nur im Deutschen für das Wort „Wort“ zwei Plurale.

Die ehrwürdige „Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“ mahnt, den „Reichtum“ der deutschen Sprache zu erhalten und den inhaltlichen Unterschied zwischen beiden Formen zu respektieren. Der Duden erklärt: „Wörter“ bezeichnet beliebige einzelne Wörter, Wörter als lexikalische Einheit – alle Wörter mit x, zum Beispiel. Worte sind hingegen besondere, große Worte, aber auch Wortgruppen und Begriffe, z.B. die „letzten Worte“, das „die Worte Buddhas“, aber auch Aussprüche, Beteuerungen, Erklärungen.

Gute Frage: Geht es in meinem Büro um Wörter oder um Worte? Muss ich mein Büro umbenennen? Einerseits möchte ich alle möglichen Wörter, die Menschen nicht mehr brauchen. Andererseits haben diese Wörter als „überflüssige“ schon eine besondere Bedeutung, die über das Einzelwort hinausgeht. Ich nehme ja auch feststehende Begriffe auf, die aus mehreren Wörtern bestehen. Ich glaube, es treffen beide Bedeutungen zu. Eine Entscheidung fällt mir daher nicht leicht.

Im Übrigen geht es mir gar nicht so sehr um sprachliche Dudenkorrektheit. Als Künstler darf man sich zum Glück Freiheiten nehmen. Sonst wäre ich wohl Lehrer geworden. Apropos Korrektheit. Am ersten Tag wurde ich von einem arglistigen Lehrer gefragt, auf wie viele Wörter ich den Deutschen Wortschatz schätze. Eine fiese Fangfrage, denn schon der Duden selbst weist darauf hin, dass eine exakte Schätzung unmöglich ist, weil ständig neue Wörter gebildet und aus anderen Sprachen entlehnt werden. Und die Frage, was denn ein „deutsches“ Wort ist, lässt sich auch nicht beantworten. Zu sehr ist die deutsche Sprache von Anfang an klanglich und kulturell durchmischt – wie vermutlich die meisten Sprachen.

Leichter lässt sich scheinbar der durchschnittliche aktive Wortschatz eines deutschen Sprechers ermitteln. Duden gibt ihn mit 12 000 – 15 000 an. Der durchschnittliche passive Wortschatz läge hingegen bei ca. 50 000 Wörtern. Die Schwankungsbreite dürfte jedoch erheblich sein.

Eines dieser „Wörter“ ist „Äppler“. Jemand möchte es aus seinem Wortschatz streichen. Offenbar kein Freund des sauren Stöffchens. Irrtum. Im Gegenteil. Ein traditionsbewusster Apfelweinkelterer auf dem Weg zum einem Kongress über das „Älterwerden“ klärt mich auf:  „Äppler“ sei ein Kunstbegriff, der von zwei Großkeltereien zu PR-Zwecken kreiert wurde. Der echte hessische Mundartbegriff sei „Ebbelwoi“ oder „Stöffche“. Ich muss zugeben, ich habe auch schon den ein oder anderen „Äppler“ bestellt. Er geht leichter über die Lippen, wenn man kein Mundartsprecher ist. Immerhin, versuche ich mich zu verteidigen, hat die „Äppler“ Kampagne das saure Getränk weit über Hessen hinaus populär gemacht. Eine gelungene PR-Strategie. Das ist doch eigentlich gut für die Apfelweinwirtschaft.

Ein weiteres Fettnäpfchen wartet auf mich, als mich der HR für ein Interview direkt im Büro anruft. Der HR hatte seine Hörer gebeten, sich an der Aktion per Telefon zu beteiligen. Neben dem typischen Unwort „Gutmensch“ hat auch jemand „genau“ als überflüssig gebrandmarkt. Ich merke sofort peinlich berührt, dass ich dieses Wort im Gespräch mit dem HR-Redakteur vor fast jeden Satz hänge. Selbst in vollem ertapptem Bewusstsein klebe ich das Wort wieder und wieder an meine Sätze, ein Sprachautomatismus, dem ich nicht entkommen kann. Andererseits hat das Wort aber auch eine Funktion, denke ich. Ich bestätige im Gespräch mein Gegenüber, stelle eine gemeinsame Gesprächsbasis und Vertrauen her. Ein typisches Verhalten am Anfang eines Gespräches, eine Variante des „Spiegelns“ vielleicht. Im Laufe des Gesprächs werde ich – wie viele andere – zunehmend kritischer.

Der Kongress zum Älterwerden spült auch einen heimatvertriebenen Schlesier an meinen Stand. Er möchte keine Worte abgeben. Die deutsche Sprache ist ihm wichtig, Wort für Wort. Außer den schlimmen Jugendwörtern. Wörtern mit „V“. Aber die will er nicht in den Mund nehmen und noch weniger aufschreiben. Nach dem Krieg hätte man ihm in Polen die deutsche Sprache rausgeprügelt und russisch und polnisch reingeprügelt. Später hätte er die Sprache mühsam neu lernen müssen. Jetzt will er sie behalten. Wort für Wort. Außer vielleicht, er grübelt angestrengt, außer „Hallo“. So eine respektlose Begrüßung. Das ist doch kein deutsches Wort, empört er sich.

Bei den jüngeren Besuchern sind erste Suchtverhaltensweisen erkennbar. Einige kommen jeden Tag wieder und drängen alle ihre Freunde, auch ein Wort abzugeben. Besonders eifrig ist ein junges Mädchen, das am letzten Tag zusammen mit ihrer Mädchenclique mindestens vier Mal auftaucht und jedes Mal noch ein Wort und noch ein Wort abgibt. Dann zieht sie sich kurz zurück, dann kommt sie wieder mit noch einem Wort und hat gleich drauf noch eins. “Besserwisser” ist nur eins von vielen…in der Tat ein unangenehmes Wort und auch ein unangenehmer Geselle. Sie überlässt mir so viele Wörter, dass ich Angst bekomme, ihr Wortschatz könnte ernsthaft Schaden nehmen. Nein, ich kann jetzt nicht jeden Tag hier sein und Wörter einsammeln, antworte ich auf ihre Frage. Vielleicht würde sie am liebsten ihre ganzen Worte hergeben und gegen Neue eintauschen.

Als ich einpacke, steht sie immer noch in der Nähe. Aber diesmal ist ein Mann bei ihr, vermutlich ihr Vater. Sie stehen ganz eng beisammen. Das Mädchen, das eben noch übersprudelte vor Ideen, ist jetzt ganz stumm und steif und sieht traurig aus. Ich frage sie, ob sie noch ein Wort hat, aber sie schütteln nur kurz den Kopf, ohne mich anzusehen. Ich frage den vermeintlichen Vater, aber auch er schüttelt nur kurz den Kopf. Dennoch bleiben beide lange stehen und schauen mir zu, wie ich abbaue.

Büro für überflüssige Worte – Stadtbücherei Frankfurt-Höchst 3

Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Muss man davon ausgehen, dass wir auch zu viele Wörter haben, die zu viele überflüssige Dinge bezeichnen? Je mehr Dinge wir besitzen, desto schwieriger ist das Abgeben. Vielleicht kann man das zehn Jahre alte T-Shirt ja noch als Putzlappen gebrauchen. Vielleicht kann man das Tonbandgerät des Grossvaters noch reparieren. Und all die neuen und fast neuen Dinge. Stabmixer, Handys, Espressomaschine, iPad, 3-D-Drucker. Und wie ist das mit Bologna-Reform und Bachelor? Da hat man soviel investiert, das kann man doch nicht einfach wegwerfen. Das wäre doch nicht „nachhaltig“ (eines meiner Lieblingsunwörter).

Je jünger die Besucher, je kleiner ihr Wortschatz, desto leichtfertiger geben sie ihre Worte her. Worte kosten nichts, sollte man meinen und es heißt, man soll Worte NICHT auf die Goldwaage legen. Doch jedes Wort musste gelernt werden. Das erzeugt Bindungen und Besitzansprüche. Manche behaupten, ihnen falle gar kein überflüssiges Wort ein, andere sagen, sie bräuchten ALLE Worte – ja, auch die BÖSEN. Man kann nie wissen, wann man sie gebrauchen kann.

Heute kommen viele Sprachschüler. Eine Italienerin möchte „Unmenschlichkeit“ loswerden. Klingt wirklich schrecklich. Schwer auszusprechen, schwer zu schreiben und schwer zu ertragen…dennoch allgegenwärtig.

Zwei Äthiopier entscheiden sich nach längerer Diskussion für das Wort „Entschuldigung“. Ein großes, schweres Wort….ein Wort wie heftiger Seegang mit dunklen Gewitterwolken. Da wird einem finster um´s Gemüt. Außerdem hören wir immer wieder – man soll sich nicht entschuldigen, sondern zu dem stehen, was man tut und sagt. Entschuldigung ist ein Synonym für mangelndes Selbstvertrauen. Wenn es leichter von den Lippen gehen würde, würden wir es vielleicht häufiger einsetzen, aber so…..

Eine Französin möchte nicht vor „Achtung!“ stramm stehen. Ein Wort, bei dem man zusammen zuckt und an die Abgründe der deutschen Geschichte denken muss. Weg damit. Aber ach…..das Wort hat ja noch eine andere Bedeutung. Die Achtung vor dem Menschen. Ein Wort der Bewunderung, des Respekts….das sollte dann doch erhalten bleiben.

Den Kanaken herzugeben, fällt einem türkisch-stämmigen Jugendlichen schwer. Ein schlimmes Wort. Eine Beleidigung. Andererseits – auch ein Wort, das man manchmal wie eine Auszeichnung trägt. Die schlimmsten, beleidigenden Wörter lassen sich manchmal positiv umwerten. Funktioniert aber nicht immer. In der Linguistik nennt man diese Umwertung  „Geusen“. Das umgewertete Wort ist ein „Geusenwort“. Klingt ziemlich bescheuert und dürfte kaum bekannt sein. Da müsste mal was Besseres her. Für den Umgang mit diskriminierenden Wörtern gibt es übrigens auch den Begriff „Stigma Management“….brrrr. Neben Werbetextern, Medien, Politikern und fehlgeleiteten Jugendlichen sind auch die Soziologen geübte Unworterfinder.

“Schwul” ist auch so ein „Geusenwort“. Ursprünglich ein Schimpfwort, wird es mittlerweile auch als positive Selbstbezeichnung benutzt. Nur die Schüler wissen davon noch nichts. Auf dem Schulhof gehört es neben “behindert” zu den Klassikern der Beleidigungen. Eine multikulturell pubertierende Dreiergruppe druckst und flüstert vor meinem Schreibtisch und sondert schliesslich „Schwulette“ ab. Soll wohl beleidigend sein, klingt aber ganz nett, oder?

Daneben wurden aber auch Liebe, Hase, Reiskorn und selbst der Tod entsorgt. Mit dem „Tod“ ist es umgekehrt wie mit der „Entschuldigung“. Tod spricht sich zu leicht, fast läppisch angesichts des gigantischen Mysteriums, dass sich mit all seinen Ängsten und Erwartungen dahinter verbirgt. Wollen wir den Tod schon mit der Sprache an den Rand unseres Lebens drängen? Eine einfache Lösung wäre es, die Begriffe Tod und Entschuldigung auszutauschen. Dann ist doch alles im Lot und ich könnte nach Hause gehen.

Ach ja, hr2kultur war vor Ort….die Redakteurin beginnt gleich mir zu assistieren und hält alten wie jungen Passanten, Müllmännern und Toilettenfrauen erst mal das Mikrophon mit dem HR Logo unter die Nase und fordert „ein überflüssiges Wort“ – aber pronto. “Bürolandschaft” hat sie erjagt. Ein spannendes Wort, klingt paradox und nach einem zeitgenössischen Euphemismus. Ist aber ein Konzept aus den 1950er Jahren. Die Redakteurin hat auch selbst ein Wort abzugeben. “Anmutung” findet sie ganz grässlich. Gesendet wird der Beitrag am Di., 31.5., 6:45 und 10:25 bei hr2kultur.

Büro für überflüssige Worte – Stadtbücherei Frankfurt-Höchst 2

Die halbe Nacht Ersatzwörter gesucht, geschrieben und gestempelt. Die meisten Besucher heute im besten Pubertätsalter oder auch mal darunter. Dazwischen vereinzelt gestresste Lehrer oder verwirrte Sprachschüler. Für die Kids ist das ein lustiges Spiel. „Voll cool ey“. Allerdings wurden “voll” und “ey” schon entsorgt. “Cool” sehe ich auch schon auf der Abschussliste. Man könnte also den ganzen Satz streichen.

Lehrer nehmen die Sprache berufsbedingt ernster und möchten vor allem bildungsbürokratische Sprachmonster loswerden, die offenbar auf der Seele lasten.  Beide scheinen in völlig unterschiedlichen Sprach-Universen zu leben. Einerseits: “Niveaukonkretisierung” und “Bildungskompetenz”, “Zeitfenster”, “Binnendifferenzierung” und “Schülermaterial”, andererseits: „Digga“, „chill ma“, „Opfer“, „Hurensohn“. Aber auch „Herzchen“ und „Schatzi“, „Zahnspangen“ und „Köter“ werden entsorgt.

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Dazu interessante Sprachschöpfungen wie „moi chocken“. Klingt wie eine Abart von „Mal checken“. Vielleicht aber auch eine vom Werbefernsehen inspirierte Ableitung der Marke „Moi chocolat“.

Mehrfach wird „Awalee“ abgegeben. Die Mädels, die das Wort loswerden wollen, behaupten, es sei ein erfundenes Wort, das anstelle eines Schimpfwortes gebraucht wird. Beim online check finde ich eine französische „Awalee-Consulting“ Firma, ein Video der Band „Bandoleros“, die trotz des spanischen Namen ziemlich orientalisch klingen.  Ein Online Lexikon verortet den Begriff im „Urdu“ und übersetzt ihn mit „Vorbereitung“. Eine Islaminfoseite weist auf die Herkunft im Koran hin. Hier würde der Begriff „früher“ oder „von früher“ bedeuten. Eine Heavy Metal Band aus Singapur hat ihr letztes Album „Asateerul Awaleen“ genannt und auch gleich die englische Übersetzung „impiety“, also „Pietätlosigkeit“ mitgeliefert.

Ein Lehrer beklagt sich, dass die Deutsche Sprache an Boden verliere. Ich wundere mich trotzdem, dass die entsorgten Begriffe mit wenigen Ausnahmen deutsche Wörter sind. Die gefürchteten Anglizismen tauchen kaum auf. Die Begriffe der aktuellen gesellschaftlichen Debatten (z.B. Thema Flüchtlinge) bleiben ebenfalls aus. Dafür lässt sich ein Besucher – ausgehend von einer Sprachdiskussion – dazu hinreissen, einen ausführlichen Vortrag über die Vorzüge der Engländer und die wirkliche Bedeutung der Queen zu halten.

Büro für überflüssige Worte – Tag 1

23.5.2016 – BiKuZ Frankfurt-Höchst – mehr Infos auf der Facebookseite des Projektes

Schreibtisch, Topfpflanze, Stifte, Stempel sind platziert. Seltsam tropfende Worte mit weichen Konsonanten und vielen Umlauten warten auf ihren Einsatz als Ersatz. Aus dem Rechner verkündet der finnische Computeravatar Mikko mit schwerem Akzent die schönsten „deutschen Worte“.

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Noch bevor das Projekt offiziell eröffnet wird, drängt es schon Manche, überflüssige Worte abzugeben. Pressekonferenz und Büroarbeit läuft simultan. Morgen Artikel in FNP/Höchster Kreisblatt. Der erste Besucher möchte „Herzchen“ aus seinem Wortschatz streichen. Schreckliches Wort meint er. Sein Mentor nennt ihn immer so, wenn er ihn tadelt. Und gleich geht es weiter: „elementar“ muss dran glauben. Das klingt so übertrieben.

Ein Flüchtling auf dem Weg zum Sprachkurs möchte das eben gelernte Wort „Frühstück“ wieder aus seinem Wortschatz streichen. Vielleicht klingt es in seinen Ohren mehr nach Massaker als nach einer Mahlzeit, vielleicht findet er Frühstück an sich überflüssig. Vielleicht hat ihm das Wort zuviel „ü”. Überflüssig ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Nur „Digga“ taucht doppelt auf. Doppelt überflüssig halt.

Überflüssige Worte werden persönlich signiert und gestempelt. Wer sie abgegeben hat verspricht, in Zukunft auf sie zu verzichten und das Ersatzwort zu benutzen, dass ich im Austausch abgebe. Es gibt aber auch Menschen, die behaupten, sie bräuchten ALLE Worte. Nicht das mieseste, gemeinste oder übertriebenste Wort wollen sie hergeben.

Die Stunde Pause, die ich mir vorgenommen hatte, ist völlig illusorisch. Ich habe Mühe auch nur 15 Minuten Freiraum zu erkämpfen, um mein Pausenbrot und meine mitgebrachte Banane zu verzehren. Ich bin am Stempeln, Erklären, Diskutieren, suche nach Ersatzworten. Am Ende des ersten Tages sind alle mitgebrachten Wortkarten und Ersatzworte aufgebraucht.

Noch beim Abbauen meines improvisierten Büros erscheint eine extrem gestresste Dame und ist überglücklich, dass ich ihr noch das Wort „chillmamama“ abnehme, mit dem sie ihr Sohn malträtiere….Sie ist so froh, dass ich mich nicht traue zu sagen, dass dieses Wort zwar jetzt aus ihrem Wortschatz entfernt wurde, aber nicht aus dem ihres Sohnes.