Kurzprosa – Sitzen Gehen Stehen

aus: „Sitzen Gehen Stehen“, Patio-Verlag, Darmstadt & Dreieich 1997. Prosaminiaturen mit Buchstabenillustrationen von Klaus Münchschwander (vergriffen)

DAS ZIMMER

Das Zimmer liegt auf 1 Korridor, umgeben von 4 weiteren Zimmern, inmitten 2 Stockwerke (dem oberen und dem unteren), inmitten eines Hauses mit 5 weiteren Stockwerken. In jedem der 5 Stockwerke befinden sich jeweils 9 Flure, mit jeweils 4 Zimmern, die jeweils über 3 Klingeln (1 Haustürklingel, 1 Flurtürklingel und 1 Wohnungstürklingel) verfügen. Um in das Zimmer zu gelangen, muß man 4 Türen und 7 Wächter der Hausordnung passieren. In dem Zimmer sitzt 1 Mann, und hinter dem Mann sitzt 1 Frau, und hinter der Frau sitzt 1 Kind, und die Menschen sitzen auf 1 Sofa und blicken auf 1 magisches 4Eck. In jedem Zimmer gibt es 4 Ecken für 3 Personen. 3 Personen bewegen sich nicht in dem Zimmer. Es bewegt sich ausschließlich 1 Haustier. 3 Person sehen schon lange nicht mehr aus den 2 Fenstern, aus denen man auf die 4spurige Durchgangsstraße blicken kann sowie auf andere 5stöckige Gebäude, in denen man durch 4 Türen zu 3 Personen gelangt, die man niemals an den 2 Fenstern sieht, sondern nur vor 1 glänzenden 4Eck.

 

 

DER MANN

Diese Geschichte erzählt von einem Mann. Der Mann geht aus dem Haus. Das Haus bleibt zurück. Der Mann steckt in seinem Anzug. Seine Uhr steckt in der Tasche. In der Uhr steckt eine Batterie. Die Batterie geht nicht mehr. Sie ist ausgelaufen. Aber der Mann weiß das noch nicht. Der Mann geht noch. Er geht weiter um die Ecke. Dann geht er ein Stück geradeaus. Eine Frau kommt ihm entgegen. Dann ein anderer Mann. Dann noch eine Frau. Dann noch ein Mann. Auch ein Hund ist dabei. Der Hund bellt, als er den Mann sieht. Dann steht der Mann vor einer Ampel. Dort sind noch andere Menschen stehen geblieben. Männer und Frauen. Der Mann atmet ein und aus. Dann zieht er die Uhr aus der Tasche. Der Mann fragt eine Frau: Ist ihre Uhr auch stehen geblieben? Nein, sagt die Frau. Frauen haben ein anderes Zeitempfinden. Danke, sagt der Mann. Die Ampel wechselt ihre Farbe. Die Männer und Frauen, die an der Ampel stehen, setzen sich in Bewegung. Der Mann bleibt stehen. Er geht nicht mehr. Er ist allein.

 

 

DIE VERWANDLUNG

Ein Mann sitzt lange Zeit unbeweglich auf einem Stuhl. Wolken ziehen vorbei, das Telefon klingelt und der Kühlschrank brummt. Doch der Mann bewegt sich nicht. Es wird Winter, es wird Sommer und keiner weiß, warum der Mann das tut. Genau genommen interessiert sich auch niemand dafür, denn besonders spannend ist das Sitzen des Mannes nicht. Doch eines Tages geschieht etwas Unerwartetes. Als der Mann so aus dem Fenster sieht, wird er plötzlich zum Mensch. Die Sache spricht sich schnell herum. Nun kommen viele Leute von Nah und Fern, um einen Menschen zu sehen. Auch kommt es vor, daß Kinder zu ihren Müttern aufblickten und mit Überzeugung sprechen, Mama, wenn ich groß bin, werde ich auch Mensch.

DAS TELEFON

Das Telefon liegt auf dem Boden. Schwarz auf braunem Untergrund. Am Strand liegt eine blaue Muschel. Ein Mensch hebt sie auf. Hallo? Hallo? Die Verbindung ist schlecht. Alle Verbindungen sind schlecht. Jedes Telefon ist allein.

DIE SCHLAFENDEN FRAUEN

Der Schlaf überkommt die Frauen noch im Stehen. Dort stehen sie nun aufgereiht wie Kegelfiguren. Männer eilen herbei und rütteln an ihnen. Doch die Frauen grunzen nur ein wenig im Schlaf. Die Männer gehen unruhig um die schlafenden Frauen herum. Wenn doch wenigstens eine Frau wach wäre… Dann könnte sie mir ein Bier holen. Dann könnte sie mir einen Nachwuchs besorgen. Dann könnte sie mir einen Rat geben. Doch guter Rat ist teuer. Und soviel Geld haben die Männer nicht. Sie  ziehen in die Freiheit, wo die meisten verhungern.