Wurstlücke im Doing. Überflüssige Wörter bei Open Books 1

19.10.2016, Tag 1 Kunstverein, Open Books Festival, Buchmesse Frankfurt

Mein Büro im Zentrum von Open Books, dem großen Frankfurter Lesefestival zur Buchmesse, mitten im Foyer des Kunstvereins, schön eingerahmt von den beiden geschwungenen Treppen. Noch bevor ich alle Flyer und Wortkarten und Stifte und Stempel ausgepackt habe und die neu erworbene künstliche Topfpflanze platziert habe, noch bevor überhaupt Einlass ist, bekomme ich die ersten beiden Wörter überreicht.
„Sale“ und das schöne deutsche Verwaltungskompositum „Konsolidierungsbeitrag“. Erst denke ich an Halle an der Saale. Es dauert, bis es klickt, dass das englische „Sale“ gemeint ist….der große Ausverkauf, Rausverkauf.
Wörter, die etwas mit Geld zu tun haben, denke ich, sind nicht beliebt. „Sale“ brüllt einem in guter amerikanischer Tradition seine Botschaft direkt, knallhart und ohne Umschweife in die Nerven. In guter deutscher Vernebelungstradition steht dagegen der schwammig-euphemistische „Konsolidierungsbeitrag“. Ich muss lange nachdenken, ohne dass mir eine wirklich schlüssige Definition einfällt. Eines der vielen neuen Wörter für „Sparmassnahme“?

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Mein Büro ist ein seltsam unliterarischer Ort. Irgendwo im Hintergrund kann ich einen Büchertisch erkennen. In Schüben kommen Besucher und hasten zu den drei parallelen Lesungen in den 2 Stockwerken über mir. Zu hören ist nur der Applaus. Ich hatte ein wenig gehofft, geschwollene Literaturbegriffe ernten zu können. Doch entsorgt werden überwiegend Alltagsfloskeln, Füllwörter. Tages-Unwort ist erneut das unschuldige „eigentlich“, über das ich schon an anderer Stelle geschrieben habe.
Auch fehlen die bösen Wörter der aktuellen politischen Debatten mit einer Ausnahme. „Völkisch“ wird entsorgt neben Windeln, Wirtschaft und Wurstlücke. Ja, die „Wurstlücke“ gibt es wirklich und sie ist nicht der Titel des neuen Romans von Bodo Kirchhoff (der hat den ebenfalls seltsamen Titel “Wiederfahrnis”), sondern eine Lücke im Kartellrecht. Der Wurstfabrikant Tönnies erhielt für zwei Tochterfirmen wegen dreister Preisabsprachen im Rahmen eines „Wurstkartells“ hohe Bußgelder. Daraufhin ließ er diese Firmen einfach mit einer „Konzerninternen Umstrukturierung“ aus dem Handelsregister löschen. Es gab keine Empfänger mehr für das Bußgeld. Dafür bekam die deutsche Sprache ein neues Wort.
Ebenso rätselhaft erschien mir zunächst der Ausdruck „ein Doing haben“, den ein Architekt hinterließ. Ein Begriff aus Konferenzen, erklärte er. Es habe etwas mit Aufgaben zu tun. Endlich mal ein toller Denglisch Begriff, denke ich, so bescheuert, wie man sich nur wünschen kann, zumal in deutscher Aussprache. Ich verliebe mich sogleich. Auf die Schnelle finde ich zwei Quellen. Ein Lexikon amerikanischer Idiome gibt folgende Beispiele: „Bob: Are you busy Saturday night? Bill: Yes, I’ve got something doing. I don’t have anything doing Sunday night. I have something on almost every Saturday.“. Die andere führt zur Gendertheorie, aus der ja immer wieder interessante Sprachimpulse kommen. Candace West und Don Zimmerman haben den Begriff “Doing Gender” geprägt, um darauf hinzuweisen, dass Geschlecht nicht einfach da ist, sondern „gemacht“ wird. Gendertheorie und Alltagsidiom zusammen streuen seitdem in verschiedene Richtungen von „Doing culture“ zu „doing news“. Alles wird „gemacht“ und jeder Mensch hat, bekommt oder braucht ein „doing“. Wow, denke ich und schlage den Bogen. Auch die „überflüssigen Wörter“ waren vermutlich nicht einfach da. Sie wurden „gemacht“. Überflüssiger Weise. Zum Glück gibt es zum Doing das Undoing, also ein Ent-machen. Zumindest ist das zu Hoffen, auch wenn es beim „Doing Klimawandel“ mittlerweile Zweifel gibt, ob das mit dem Un-Doing immer funktioniert. Hier ist vielleicht die „Wurstlücke im Doing“.

Buchmesse Frankfurt 3 – Büro für überflüssige Worte/Open Books

19. Oktober 2016 16:30bis22. Oktober 2016 22:00

Diese Buchmesse ist völlig irre für mich. Neben der Präsentation zweier Gastlandveranstaltungen ist mein “Büro für überflüssige Worte” Teil des fantastischen Open Books Festivals….3 Tage an zwei Orten….Mi/Do. im Kunstverein und Sa. im Römer. Achtung: die Termine und Orte im gedruckten Programm sind durcheinander geraten! Im Online Programm stimmt es.

Open Books I
Mi. 19.10 &  Do. 20.10.16, 16:30 – 21:30 Büro für überflüssige Worte, Kunstverein Frankfurt

Open Books II
22.10., 15:30 – 21:30 Büro für überflüssige Worte, Schwanensaal, Römer, Frankfurt, Open Book Festival – Abschlussperformance: “Deleted” 21 Uhr

Das „Büro für überflüssige Worte“ nimmt Euren persönlichen Wortmüll entgegen: aufgeblasene, bürokratische, diskriminierende, nervige, sperrige, umständliche, unverständliche Wörter, Füllwörter, Modewörter oder einfach unschöne Wörter.

Mit Signatur und Stempel bestätigen Ihr, das abgegebene Wort nicht mehr benutzen zu wollen. Ihr bekommt gratis ein Ersatzwort.

Die abgegebenen Wörter werden einem ökologisch-künstlerischen Recycling zugeführt.

 

Buchmesse Frankfurt 2 – Wortküsten & Sprachpolder

21. Oktober 2016
19:30

Fr. 21.10.2016, 19:30
Hessisches Literaturforum im Mousonturm

Ich darf präsentieren:
Wortküsten & Sprachpolder
Neue Poesie aus Flandern und Niederlanden
Leonard Nolens (Fl), Elvis Peeters (Fl), Rozalie Hirs (Nl), Rodaan al Galidi (NL/Irak), Anneke Brassinga (NL). Special Guest ist der flämische Liedermacher Tijs Delbeke
Moderation: Dirk Hülstrunk

Vielstimmig auf engstem Raum erscheint die niederländisch-flämische Poesie. Klangstark, lyrisch, musikalisch, spielerisch, lakonisch, absurd, multimedial, multikulturell, ländlich, urban, biografisch, universell, persönlich und gesellschaftskritisch, klassisch und experimentell.

Der Frankfurter Autor und Soundpoet Dirk Hülstrunk wird die niederländisch/flämischen Poeten im Gespräch vorstellen und die deutschen Übersetzungen lesen.

Der flämische Songwriter und Rockmusiker Tijs Delbeke begleitet die Veranstaltung musikalisch.

Buchmesse Frankfurt 1 – Soundpoetry Performance – 100 Jahre DADA

17. Oktober 2016
19:30

Noch vor dem offiziellen Beginn der Buchmesse…aber im Rahmen des Gastlandauftritts: Flandern & Niederlande:
Mo. 17.10., 19:30, Haus am Dom
Poezie klinkt anders – eine Hommage an 100 Jahre DADA.
mit Jaap Blonk (Arnheim), Maja Jantars (Ghent), Dirk Huelstrunk (Frankfurt)

Ich freue mich wahnsinnig. Im Rahmen des Buchmesse-Gastlandauftritts Flandern und Niederlande ist es mir gelungen, ist den absoluten Superstar der Soundpoetry Jaap Blonk aus Arnhem und fantastische Sängerin und Soundpoetin Maja Jantar aus Ghent zu einer gemeinsamen Performance mit mir in das Haus am Dom in Frankfurt einzuladen. Jaap präsentiert zusätzlich noch ungewöhnliche Notationen und visuelle Poesie im Rahmen der Ausstellung “Sprachaufzeichnung” am gleichen Ort. Eine DADA – Lautpoesie – Soundpoetry Performance im katholischen “Haus am Dom” – passt das?  Auf jeden Fall ein spannender Kontrast.

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5 Jahre Unabhängigkeit

25 Jahre Wiedervereinigung. 5 Jahre Unabhängigkeit für mich. Im Oktober 2011 kündigte ich spontan meinen Brotjob mit der vagen Hoffnung als freier Künstler ohne Sicherheitsnetz überleben zu können. Offiziell war ich einen Tag arbeitslos. Dann war ich plötzlich Poesie-Unternehmer und mein eigener Chef. Glücklicherweise bekam ich für die ersten Monate eine Startfinanzierung für Kleinunternehmer vom Staat. Aber ich hätte nicht überleben können ohne die selbslos Unterstützung vieler Freunde und Kollegen. Danke an Euch!

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Juha Valkeapää & ich in Sysmä, Finland, 2011

Es war nicht ganz einfach. Man gerät schon in Stress wenn plötzlich die launische Diva Kunst für das tägliche Brot und die Miete sorgen soll. Kunst soll plötzlich ein Geschäft sein. Und ich mein eigener Chef. Das fiel mir schwer zu akzeptieren. Plötzlich bin ich für alle Entscheidungen ALLEINE verantwortlich. Sich alleine zu disziplinieren und organisieren ist auch eine Kunst, die ich bisher nicht gelernt hatte. Große Überraschung: als “Freier Künstler” besteht ein Großteil meiner Arbeit in Verwaltung. Buchhaltung ist mein steter Albtraum. Die Zahlen sind nicht meine Freunde. Mein “Kreativ Raum” ist kleiner als vorher.

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Meine wunderbare Bühne im Museo Vostell, Malpartida de Caceres, Spain, 2011

Andererseits hab ich grandiose neue Erfahrungen gemacht, musste mich ständig auf neue Situationen und Anforderungen einstellen. Vorträge an indischen Musikhochschulen. Na klar. Workshops für finnische bildende Künstler. Na klar. Klangkompositionen zum Thema “Gärten”. Na klar. Abendfüllendes Soloprogramm in Mexiko. Na klar. Offen gesagt, hatte ich fast immer extremes Muffensausen und die Befürchtung, dass ich das nicht hinbekommen werde. Zu den tollsten Erfahrungen gehört auch, dass ich so eine unerwartet enge Bindung an Finnland entwickelt habe. Dank an den Filmemacher und Kurator Erkki Pirtola und die KONE Stiftung und viele andere Institutionen und Künstler dort.

Überrascht war ich auch, dass sich meine Projekte von der Literatur zunehmend in Richtung Intermedia verlagerten. Ich konnte im Bereich Performance, Klangkunst, Bildende Kunst, Neue Musik nicht nur performen sondern auch Vorträge, Seminare und Workshops halten.

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Lecture-Performance an der SfD Schule für Dichtung, Wien, 2013.

Dank geht auch an “Poetry Slam”. Hier habe ich  Bühnenpräsenz, poetische Dynamik und vor allem den Respekt vor dem Publikum gelernt.

Man sagt, dass die meisten Unternehmensgründungen spätestens nach 3 Jahren wieder tot sind. Ich lebe noch – cheers.

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Mein “Independence Day” auf einem Feld nahe Frankfurt, Oktober 2011

Analog Büro in der Arbeitswelt 4.0

Gelegentlich flammt bei mir Sehnsucht nach einem normalen nine-to-five Job auf. Glücklich, wenn ich die zusammen mit meinem Bürokratiefetisch als „Büro für überflüssige Worte“ ausleben darf. „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung – Perspektiven für Unternehmen und Zugewanderte“ lautet der knackige Titel eines Kongresses zu sprachlicher Bildung und beruflicher Integration. Großes Kino in den hehren Hallen der Industrie- und Handelskammer Frankfurt im Börsengebäude. Entscheidungsträger aus Politik, Bildung und Arbeitsmarkt sollten zusammenkommen und in diversen Plenen und Workshops die Möglichkeiten der Sprachförderung von Flüchtlingen ausloten. 400 Teilnehmer aus ganz Deutschland. Eine Messe von Bildungsanbietern. Moderiert von der bekannten Journalistin Canan Topçu. Ein solcher Kongress, so spekuliere ich, muss eine Fundgrube für überflüssige Wörter sein.

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Baue mein Büro direkt vor dem Hauptkonferenzsaal auf, dem „Plenarsaal“ der IHK und simuliere mit weissem Hemd und Sakko unbeteiligt bedeutsame Geschäftigkeit. Schon bald nach Beginn des Kongresses stürzen die ersten genervten Menschen wieder aus dem Saal. Ich bin froh, dass ich hier draußen die Grußwortorgie verpasse. Immer wieder wanken während des Kongresses erschöpfte Menschen aus dieser Tür, direkt vor mein Büro und verschaffen sich mit einer Wortabgabe Erleichterung. Komme mir zeitweise vor wie der Kongress-Therapeut.

150 „überflüssige“ Wörter werden mir übergeben. Ein kleiner Kernwortschatz, den sich Sprachschüler hart erarbeiten müssten. Allerdings waren Mehrfachnennungen möglich. Top-Unwort des Kongresses ist Eigentlich (9x),  gefolgt von Flüchtling (5x). Migrationshintergrund (3x) und Asylant (2x).
Zeitnah, Schuld, aber, müssen, sozusagen, sind mehrfach genannte Nervbegriffe. Der Rest verteilt sich auf ein breites Spektrum an Floskeln, Füllwörtern, Modewörtern, Bürokratiemonstern und fachsprachlichen Hohlwörtern und Kompetenzphrasen.

Anfangs fürchte ich, dass der eng getaktete Zeitablauf des Kongresses den Teilnehmern gar keine Zeit für eine Wortabgabe lässt. Tatsächlich bilden sich in den kurzen Pausen dicke Menschen-Trauben vor meinem Büro. Ich komme ins Schwitzen und habe Mühe die formalen Regeln des Worttausches aufrecht zu halten. Nach der offiziellen Mittagspause gönne ich mir ebenfalls eine Pause, um  mir die Reste des Buffets anzuschauen. Bringe ein deutlich sichtbares Pausenschild an meinem Büro an. Als ich nur wenig später zurück bin, lassen sich Spuren einer wilden, illegalen Wortabgabe erkennen. Wahllos verstreute Wortkarten und Zettel mit unsignierten und ungestempelten Wörtern. Aus humanitären Gründen nehme ich auch jene Wörter in mein Archiv auf, die nicht formgerecht abgegeben wurden. Sie wegzuwerfen fühlt sich falsch an.

Ein smarter, glatter Anzugmensch mit zurück gegeltem Haar – ganz eilig auf dem Weg zur Börse – findet noch die Zeit mal eben das Wort „Demokratie“ abzugeben. Er signiert auch brav, dass er den Begriff in Zukunft nicht mehr verwenden will. Klischeebild eines windigen Börsenzockers. Seine Erklärung ist verworren und hat etwas mit Marx, der Arbeiterklasse und dem Versagen von irgendwas zu tun. Verstanden habe ich es nicht. Später kommt er noch mal zurück und versucht eine weitere Erklärung, die ich genauso wenig verstehe. Zugegeben, das Wort Demokratie klingt nicht toll. Nicht wie das nach Rotwein und Schwarzpulver duftende Anarchie, eher wie lauwarmer Filterkaffee und Linoleumboden.

Einige Begriffe sind mir nicht so geläufig: Abschiedskultur, Am Gast, Auslegeordnung, Bedarfe, Bundesdurchschnittskostensatz. Auch war mir neu, dass wir bereits zur Arbeitswelt 4.0 upgegradet wurden. Hantiere immer noch mit Web 2.0. Merke immer wieder, wie weit weg von der normalen Arbeitswelt ich bin.

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Sehr originell und selbst ausgedacht klingt die „Inkompetenzkompensationskompetenz“. Doch das so zeitgenössisch klingende Wortungetüm wurde bereits 1973 von dem Philosophen Odo Marquard geprägt. Und es ging irgendwie um Zuständigkeit oder Nichtzuständigkeit von Philosophie.

Am Nachmittag zeigen sich nicht nur bei den aktiven Teilnehmern des Kongresses sondern auch bei mir Müdigkeitserscheinungen. Einige Kostümdamen tragen die hochhackigen Schuhe bereits in der Hand. Es ist stickig. Fast 30 Grad und ich dampfe im Sakko. Der Blümchenkaffee kann das nicht retten. Aber ich muss durchhalten, bis die große Fishbowl-Diskussion mit Teilnehmern von Bundes- und Landesministerien, Jobcenter, Bundesagentur für Arbeit und Bundesamt für Migration noch mal so richtig für Stimmung sorgt. Schöner neuer Begriff, den aber niemand hergeben will: Fishbowl-Diskussion. Ist wohl grad der Hype.

Im Goldfischglas haben sich wohl einige fette Wörter angestaut und noch einmal wird es voll vor meinem Büro. Da werden im Grunde genommen handlungsorientierte Formate entwickelt, um Instrumente und gefühlt nachhaltige Mattrealijen zu perfekt passgenau verzahnten Herausforderungen zu gestalten.

Das ist sehr schön, sage ich. Aber leider gehen mir grade die Ersatzwörter aus. Doch, doch, die Ersatzwörter gehören unbedingt zum Spiel dazu, beharre ich.

Eigentlich überflüssig

Eigentlich ist das „überflüssigste“ Wort, beim Kongress „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung“ am 31.8. in der Industrie und Handelskammer Frankfurt. Der absolute Mehrfachnennungsrekord im Rahmen aller BüW Projekte.

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Kein modernes „Buzzword“, kein aufgeblasener Manager- oder Bürokratensprech, keine PR-Sprache, kein Anglizismus und kein Denglish-Wortbrei. Eigentlich ist ein schlichtes, sehr altes, sehr deutsches Wort, das bereits seit dem Mittelalter in Gebrauch ist. Was ist das Problem?

Vielleicht die implizierte Relativierung, die vorsichtige Distanzierung, die verborgene Entschuldigung? Der aktuelle Duden definiert eigentlich als „einen meist halbherzigen, nicht überzeugenden Einwand“, der „auf eine ursprüngliche, schon aufgegebene Absicht hinweise“ (Zitat: Online Duden, Sept. 2016).

Vermutlich möchten die hier versammelten Menschen aus Wirtschaft und Bildungsinstitutionen ja wirklich etwas für die Integration von Flüchtlingen tun. Vermutlich haben sie die besten Absichten. Eigentlich. Aber so einfach geht es eben nicht. Es gibt so viele Hindernisse. Bürokratische, Sprachliche, Kulturelle, Strukturelle. Eigentlich standen ihm alle Möglichkeiten offen. Eigentlich sind wir gute Menschen. Aber in der Realität müssen wir uns eben anpassen. Eigentlich bist Du ja ganz toll integriert, aber leider müssen wir Dich trotzdem abschieben. Eigentlich würde ich ja gerne mehr für dich tun, aber die Strukturen lassen es leider nicht zu.

Kann es sein, dass eigentlich die Menschen nervt, weil es symptomatisch für die Kluft von Anspruch und Wirklichkeit steht? Eine Kluft, die im sozialen Bereich, in der Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten besonders weit auseinanderklafft?

Oder ist man nach fast 1000 Jahren auf den Trichter gekommen, dieses Wort endlich in der klassischen Füllwörterkiste zu entsorgen. Ein Wort, das man irgendwie immer benutzt, wenn man um den heissen Brei herum redet. Und dann gilt es auch noch als “rechtschreiblich schwierig” (siehe Online Duden). Ein Grund mehr, es loszuwerden?

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Übrigens diagnostizierte Theodor W. Adorno bereits 1964 einen „Jargon der Eigentlichkeit“, eine geschwollene Sprache von Funktionsträgern:

Der Jargon fungiere als „Kennmarke vergesellschafteter Erwähltheit”, edel und anheimelnd in eins; Untersprache als Obersprache; der Jargon verwende “marktgängige Edelsubstantive”, Worte die “klingen als ob sie Höheres sagten, als was sie bedeuten”, die sakral sind ohne sakralen Gehalt, Effekt sind als Wirkung ohne Ursache, die ein “nicht vorhandenes Geheimnis” vorgeben, die eine “Himmelfahrt des Wortes, als wäre der Segen von oben in ihm zu lesen” suggerieren, ein “ständiges Tremolo” und eine “präfabrizierte Ergriffenheit”. Der Jargon erstrecke sich von der Philosophie und Theologie nicht bloß Evangelischer Akademien über die Pädagogik, über Volkshochschulen und Jugendbünde bis zur gehobenen Redeweise von Deputierten aus Wirtschaft und Verwaltung“ (JdE 9/416). Charakteristisch für ihn seien „signalhaft einschnappende Wörter“ (JdE 9/417), die Adorno auf Heideggers Leitkategorie der Eigentlichkeit zurückführt.
Zitat nach https://de.wikipedia.org/wiki/Jargon_der_Eigentlichkeit

 

Ein Stich in den Radioäther: Dirk Hülstrunk, Jaromir Typlt auf Kunstradio Ö1

31. Juli 2016
23:00

Kunstradio Ö1, 31.7.2016, 23 Uhr. Livestream: http://www.kunstradio.at/2016B/31_07_16.html

Letztes Jahr konnte ich im Rahmen meines Prag Stipendiums gemeinsam mit dem tschechischen Autor Jaromir Typlt eine Version des dadaistischen Klanggedichtes “Totenklage” von Hugo Ball im Tschechischen Rundfunk aufnehmen. Nun wurden wir 2. im europäischen Radiokunst Preis “Palma Ars Acustica”. 

Original Ankündigung auf Ö1:

„Totenklage“ von Jaromír Typlt und Dirk Huelstrunk. Auch zu diesem Stück gibt es einen Beipackzettel des tschechischen Rundfunks – dort steht: “Hundert Jahre nach der Eröffnung des Cabaret Voltaire senden wir – recht prosaisch – ein Aggregat von Gedichten von Hugo Ball, einem der Gründer der Dada-Bewegung, in den Äther. Heute gehören seine sechs Klangedichte zum klassischen Kanon, und sie werden sowohl als Originalaufnahmen zitiert, als auch in unzähligen Neuproduktionen. Figurativ gesprochen, verschmelzen diese Interpretationen zu einem Rauschen, dessen originale Bedeutung in der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts verloren gegangen ist. Die Rückkehr zu den auf gewisse Weise „fossilen“ Ursprüngen der Produktion von Bedeutung in gesprochener Sprache, ist eine Rückkehr zu einer rein akustischen Sprache. Sie enthält, immer noch aktuell, ein Moment der Suche nach Grenzen zwischen Poetik, Unbeständigkeit und der Gefahr gestammelter Worte. TOTENKLAGE ist eines von sechs Klanggedichten von Hugo Ball. Aufnahmen dieser Gedichte wurden dank der Zusammenarbeit des tschechischen Autors und Performers Jaromir Typlt und dem deutschen Dichter und Performer Dirk Hülstrunk, der im Frühwinter 2015 Gastkünstler des Prager Literaturhauses war, angefertigt. Die Aufnahmen wurden im Zuge der Vorbereitungen einer umfassenden, vierteiligen Avantgarde Cabaret Suite mit dem Titel BALLONAIR gemacht, die erstmals am 17. Jänner 2016 im Zuge des Euroradio Ars Acustica special evening zum Art’s Birthday in der Nationalgalerie Prag zur Aufführung gekommen ist. Wie die Gründer der Dada-Bewegung den Namen angeblich gefunden hatten, indem sie mit einem Taschenmesser in ein Wörterbuch gestochen haben, so wird hier mit diesem Konzept experimentiert – das Gedicht TOTENKLAGE ist ein Stich in den Radio-Äther.” Dauer 7 Minuten 3 Sekunden “

 

 

 

 

fümms bö wö – 100 Jahre DADA Lautpoesie – eine Hommage

31. Juli 2016
20:00bis21:30

um 100- Geburtstag von DADA eine Hommage an die dadaistische Lautpoesie und die künstlerischen Helden meiner rebellischen Jugend.
Wie keine andere Bewegung symbolisiert DADA den Bruch mit den bürgerlichen Kunstkonventionen des 19. Jahrhunderts. DADA war Revolte – ästhetisch und politisch. Viele Entwicklungen in der modernen Kunst nach dem 2. Weltkrieg wären ohne DADA nicht möglich gewesen. Noch heute wirken die Provokationen von DADA verstörend. DADA als „Unsinnskunst“ zu verstehen, verharmlost. DADA zielt auf das Innerste im Menschen – seinen absurden Versuch aus ALLEM Sinn zu generieren. DADA hat vor allem in die Kunst gewirkt. Collage, Montage, Performance, Film. Doch DADA kommt aus der Sprache, der Sprachverzweiflung, dem Sprachspiel, der Satire, der Sprachzertrümmerung, der Lautabstraktion. Neben Cut-up und Textcollage gehört die LAUTPOESIE zu den wichtigsten Innovationen von DADA.Ohne die Pionierarbeit von DADA wäre die heutige Performancepoesie kaum denkbar.
DADA stand am Anfang meiner künstlerischen Entwicklung. DADA hat mir Augen und Ohren geöffnet.
Im Mittelpunkt des Programms stehen die drei grossen Meister der dadaistischen Lautpoesie Hugo Ball, Raould Hausmann und Kurt Schwitters.

Teile des Programms wurden in den letzten Monaten in Indien, Finnland, Mexiko, Tschechien, präsentiert. Besonderer Dank geht an die chilenische Künstlerin Pia Sommer, mit der ich die Ursonate im Goethe Institut Mexiko City präsentieren konnte und an Jaromir Typlt, mit dem ich die “Totenklage” von Hugo Ball in Prag aufnehmen konnte. Ein Einspielung die den 2. Platz des europäischen Radiokunstwettbewerbes “Prix Palma Ars Acustica” erreichte.