Schwarz-Weiss Garten

25.-27.8.17 zu Gast bei Datscha Radio Berlin. Datscha Radio ist ein Radiokunstprojekt, konzipiert von Gabi Schaffner. Ich durfte einige Sendungen moderieren und meinen “Schwarz-Weiss-Garten” im Gespräch mit Shanti Suki Osman vorstellen.

Der Schwarz-Weiss Garten

Feldaufnahmen, Gespräche, Gedichte und Soundpoetry. Von weissem Rauschen, schwarzen Blöcken und grauem Wortkraut in den Ritzen.
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Buchmesse, war da was?

Dieses Buchmesse hat für mich extrem gerockt, obwohl ich weder ein neues Buch veröffentlicht habe, noch überhaupt auf der Messe selbst war.

Mit meinem “Büro für überflüssige Worte” beim Open Books Festivals insgesamt 250 „überflüssige Wörter“ eingesammelt und gegen ebenso viele Fantasiewörter ausgetauscht. Im Handbetrieb.

In etwa 80 Publikationen in Deutschland, Österreich, Schweiz (hier allein 35x) und Liechtenstein ist ein ausführlicher dpa Artikel erschienen. BILD, BILD der Frau und Focus druckten den Artikel, die Portale wetter.de und t-online verbreiteten mich. Die Stuttgarter Zeitung brachte nicht nur einen eigenen Bericht sondern auch noch einen Filmbeitrag über das Projekt. Der ORF hat mich zum Interview nach Wien eingeladen.

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Foto: Alex Vladi

 

Auch die beiden Veranstaltungen im Rahmen des Gastlandprogramms: „Poezie klinkt anders“ (Hier Bericht von Alex Vladi)  im Haus am Dom mit Soundpoetry von Jaap Blonk, Maja Jantars und mir und „Wortküsten und Sprachpolder“ mit aktueller flämisch-niederländischer Lyrik, die ich moderieren durfte haben super funktioniert und waren bestens besucht. Besondere Ehre und Sahnehäubchen, daß uns der flämische Popstar/Songwriter Tijs Delbeke musikalisch begleitet hat. (Kleines Salzkorn in der Sahne: ich war den ganzen Abend über nicht in der Lage seinen Namen korrekt auszusprechen.)
Obendrauf noch ein Stadtspaziergang mit den niederländisch-flämischen AutorInnen Anneke Brassinga (NL), Miriam van Hee, Elvis Peeters und Nicole van Bael und Rozalie Hirs mit Frankfurter Lunch im „Atschel“. Krass gute, vielseitige, grenzüberschreitende und sehr musikalische AutorInnen.

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Foto: Katarina Ivanisevic

Wurstlücke im Doing. Überflüssige Wörter bei Open Books 1

19.10.2016, Tag 1 Kunstverein, Open Books Festival, Buchmesse Frankfurt

Mein Büro im Zentrum von Open Books, dem großen Frankfurter Lesefestival zur Buchmesse, mitten im Foyer des Kunstvereins, schön eingerahmt von den beiden geschwungenen Treppen. Noch bevor ich alle Flyer und Wortkarten und Stifte und Stempel ausgepackt habe und die neu erworbene künstliche Topfpflanze platziert habe, noch bevor überhaupt Einlass ist, bekomme ich die ersten beiden Wörter überreicht.
„Sale“ und das schöne deutsche Verwaltungskompositum „Konsolidierungsbeitrag“. Erst denke ich an Halle an der Saale. Es dauert, bis es klickt, dass das englische „Sale“ gemeint ist….der große Ausverkauf, Rausverkauf.
Wörter, die etwas mit Geld zu tun haben, denke ich, sind nicht beliebt. „Sale“ brüllt einem in guter amerikanischer Tradition seine Botschaft direkt, knallhart und ohne Umschweife in die Nerven. In guter deutscher Vernebelungstradition steht dagegen der schwammig-euphemistische „Konsolidierungsbeitrag“. Ich muss lange nachdenken, ohne dass mir eine wirklich schlüssige Definition einfällt. Eines der vielen neuen Wörter für „Sparmassnahme“?

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Mein Büro ist ein seltsam unliterarischer Ort. Irgendwo im Hintergrund kann ich einen Büchertisch erkennen. In Schüben kommen Besucher und hasten zu den drei parallelen Lesungen in den 2 Stockwerken über mir. Zu hören ist nur der Applaus. Ich hatte ein wenig gehofft, geschwollene Literaturbegriffe ernten zu können. Doch entsorgt werden überwiegend Alltagsfloskeln, Füllwörter. Tages-Unwort ist erneut das unschuldige „eigentlich“, über das ich schon an anderer Stelle geschrieben habe.
Auch fehlen die bösen Wörter der aktuellen politischen Debatten mit einer Ausnahme. „Völkisch“ wird entsorgt neben Windeln, Wirtschaft und Wurstlücke. Ja, die „Wurstlücke“ gibt es wirklich und sie ist nicht der Titel des neuen Romans von Bodo Kirchhoff (der hat den ebenfalls seltsamen Titel “Wiederfahrnis”), sondern eine Lücke im Kartellrecht. Der Wurstfabrikant Tönnies erhielt für zwei Tochterfirmen wegen dreister Preisabsprachen im Rahmen eines „Wurstkartells“ hohe Bußgelder. Daraufhin ließ er diese Firmen einfach mit einer „Konzerninternen Umstrukturierung“ aus dem Handelsregister löschen. Es gab keine Empfänger mehr für das Bußgeld. Dafür bekam die deutsche Sprache ein neues Wort.
Ebenso rätselhaft erschien mir zunächst der Ausdruck „ein Doing haben“, den ein Architekt hinterließ. Ein Begriff aus Konferenzen, erklärte er. Es habe etwas mit Aufgaben zu tun. Endlich mal ein toller Denglisch Begriff, denke ich, so bescheuert, wie man sich nur wünschen kann, zumal in deutscher Aussprache. Ich verliebe mich sogleich. Auf die Schnelle finde ich zwei Quellen. Ein Lexikon amerikanischer Idiome gibt folgende Beispiele: „Bob: Are you busy Saturday night? Bill: Yes, I’ve got something doing. I don’t have anything doing Sunday night. I have something on almost every Saturday.“. Die andere führt zur Gendertheorie, aus der ja immer wieder interessante Sprachimpulse kommen. Candace West und Don Zimmerman haben den Begriff “Doing Gender” geprägt, um darauf hinzuweisen, dass Geschlecht nicht einfach da ist, sondern „gemacht“ wird. Gendertheorie und Alltagsidiom zusammen streuen seitdem in verschiedene Richtungen von „Doing culture“ zu „doing news“. Alles wird „gemacht“ und jeder Mensch hat, bekommt oder braucht ein „doing“. Wow, denke ich und schlage den Bogen. Auch die „überflüssigen Wörter“ waren vermutlich nicht einfach da. Sie wurden „gemacht“. Überflüssiger Weise. Zum Glück gibt es zum Doing das Undoing, also ein Ent-machen. Zumindest ist das zu Hoffen, auch wenn es beim „Doing Klimawandel“ mittlerweile Zweifel gibt, ob das mit dem Un-Doing immer funktioniert. Hier ist vielleicht die „Wurstlücke im Doing“.

Buchmesse Frankfurt 1 – Soundpoetry Performance – 100 Jahre DADA

17. Oktober 2016
19:30

Noch vor dem offiziellen Beginn der Buchmesse…aber im Rahmen des Gastlandauftritts: Flandern & Niederlande:
Mo. 17.10., 19:30, Haus am Dom
Poezie klinkt anders – eine Hommage an 100 Jahre DADA.
mit Jaap Blonk (Arnheim), Maja Jantars (Ghent), Dirk Huelstrunk (Frankfurt)

Ich freue mich wahnsinnig. Im Rahmen des Buchmesse-Gastlandauftritts Flandern und Niederlande ist es mir gelungen, ist den absoluten Superstar der Soundpoetry Jaap Blonk aus Arnhem und fantastische Sängerin und Soundpoetin Maja Jantar aus Ghent zu einer gemeinsamen Performance mit mir in das Haus am Dom in Frankfurt einzuladen. Jaap präsentiert zusätzlich noch ungewöhnliche Notationen und visuelle Poesie im Rahmen der Ausstellung “Sprachaufzeichnung” am gleichen Ort. Eine DADA – Lautpoesie – Soundpoetry Performance im katholischen “Haus am Dom” – passt das?  Auf jeden Fall ein spannender Kontrast.

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Analog Büro in der Arbeitswelt 4.0

Gelegentlich flammt bei mir Sehnsucht nach einem normalen nine-to-five Job auf. Glücklich, wenn ich die zusammen mit meinem Bürokratiefetisch als „Büro für überflüssige Worte“ ausleben darf. „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung – Perspektiven für Unternehmen und Zugewanderte“ lautet der knackige Titel eines Kongresses zu sprachlicher Bildung und beruflicher Integration. Großes Kino in den hehren Hallen der Industrie- und Handelskammer Frankfurt im Börsengebäude. Entscheidungsträger aus Politik, Bildung und Arbeitsmarkt sollten zusammenkommen und in diversen Plenen und Workshops die Möglichkeiten der Sprachförderung von Flüchtlingen ausloten. 400 Teilnehmer aus ganz Deutschland. Eine Messe von Bildungsanbietern. Moderiert von der bekannten Journalistin Canan Topçu. Ein solcher Kongress, so spekuliere ich, muss eine Fundgrube für überflüssige Wörter sein.

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Baue mein Büro direkt vor dem Hauptkonferenzsaal auf, dem „Plenarsaal“ der IHK und simuliere mit weissem Hemd und Sakko unbeteiligt bedeutsame Geschäftigkeit. Schon bald nach Beginn des Kongresses stürzen die ersten genervten Menschen wieder aus dem Saal. Ich bin froh, dass ich hier draußen die Grußwortorgie verpasse. Immer wieder wanken während des Kongresses erschöpfte Menschen aus dieser Tür, direkt vor mein Büro und verschaffen sich mit einer Wortabgabe Erleichterung. Komme mir zeitweise vor wie der Kongress-Therapeut.

150 „überflüssige“ Wörter werden mir übergeben. Ein kleiner Kernwortschatz, den sich Sprachschüler hart erarbeiten müssten. Allerdings waren Mehrfachnennungen möglich. Top-Unwort des Kongresses ist Eigentlich (9x),  gefolgt von Flüchtling (5x). Migrationshintergrund (3x) und Asylant (2x).
Zeitnah, Schuld, aber, müssen, sozusagen, sind mehrfach genannte Nervbegriffe. Der Rest verteilt sich auf ein breites Spektrum an Floskeln, Füllwörtern, Modewörtern, Bürokratiemonstern und fachsprachlichen Hohlwörtern und Kompetenzphrasen.

Anfangs fürchte ich, dass der eng getaktete Zeitablauf des Kongresses den Teilnehmern gar keine Zeit für eine Wortabgabe lässt. Tatsächlich bilden sich in den kurzen Pausen dicke Menschen-Trauben vor meinem Büro. Ich komme ins Schwitzen und habe Mühe die formalen Regeln des Worttausches aufrecht zu halten. Nach der offiziellen Mittagspause gönne ich mir ebenfalls eine Pause, um  mir die Reste des Buffets anzuschauen. Bringe ein deutlich sichtbares Pausenschild an meinem Büro an. Als ich nur wenig später zurück bin, lassen sich Spuren einer wilden, illegalen Wortabgabe erkennen. Wahllos verstreute Wortkarten und Zettel mit unsignierten und ungestempelten Wörtern. Aus humanitären Gründen nehme ich auch jene Wörter in mein Archiv auf, die nicht formgerecht abgegeben wurden. Sie wegzuwerfen fühlt sich falsch an.

Ein smarter, glatter Anzugmensch mit zurück gegeltem Haar – ganz eilig auf dem Weg zur Börse – findet noch die Zeit mal eben das Wort „Demokratie“ abzugeben. Er signiert auch brav, dass er den Begriff in Zukunft nicht mehr verwenden will. Klischeebild eines windigen Börsenzockers. Seine Erklärung ist verworren und hat etwas mit Marx, der Arbeiterklasse und dem Versagen von irgendwas zu tun. Verstanden habe ich es nicht. Später kommt er noch mal zurück und versucht eine weitere Erklärung, die ich genauso wenig verstehe. Zugegeben, das Wort Demokratie klingt nicht toll. Nicht wie das nach Rotwein und Schwarzpulver duftende Anarchie, eher wie lauwarmer Filterkaffee und Linoleumboden.

Einige Begriffe sind mir nicht so geläufig: Abschiedskultur, Am Gast, Auslegeordnung, Bedarfe, Bundesdurchschnittskostensatz. Auch war mir neu, dass wir bereits zur Arbeitswelt 4.0 upgegradet wurden. Hantiere immer noch mit Web 2.0. Merke immer wieder, wie weit weg von der normalen Arbeitswelt ich bin.

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Sehr originell und selbst ausgedacht klingt die „Inkompetenzkompensationskompetenz“. Doch das so zeitgenössisch klingende Wortungetüm wurde bereits 1973 von dem Philosophen Odo Marquard geprägt. Und es ging irgendwie um Zuständigkeit oder Nichtzuständigkeit von Philosophie.

Am Nachmittag zeigen sich nicht nur bei den aktiven Teilnehmern des Kongresses sondern auch bei mir Müdigkeitserscheinungen. Einige Kostümdamen tragen die hochhackigen Schuhe bereits in der Hand. Es ist stickig. Fast 30 Grad und ich dampfe im Sakko. Der Blümchenkaffee kann das nicht retten. Aber ich muss durchhalten, bis die große Fishbowl-Diskussion mit Teilnehmern von Bundes- und Landesministerien, Jobcenter, Bundesagentur für Arbeit und Bundesamt für Migration noch mal so richtig für Stimmung sorgt. Schöner neuer Begriff, den aber niemand hergeben will: Fishbowl-Diskussion. Ist wohl grad der Hype.

Im Goldfischglas haben sich wohl einige fette Wörter angestaut und noch einmal wird es voll vor meinem Büro. Da werden im Grunde genommen handlungsorientierte Formate entwickelt, um Instrumente und gefühlt nachhaltige Mattrealijen zu perfekt passgenau verzahnten Herausforderungen zu gestalten.

Das ist sehr schön, sage ich. Aber leider gehen mir grade die Ersatzwörter aus. Doch, doch, die Ersatzwörter gehören unbedingt zum Spiel dazu, beharre ich.

Eigentlich überflüssig

Eigentlich ist das „überflüssigste“ Wort, beim Kongress „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung“ am 31.8. in der Industrie und Handelskammer Frankfurt. Der absolute Mehrfachnennungsrekord im Rahmen aller BüW Projekte.

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Kein modernes „Buzzword“, kein aufgeblasener Manager- oder Bürokratensprech, keine PR-Sprache, kein Anglizismus und kein Denglish-Wortbrei. Eigentlich ist ein schlichtes, sehr altes, sehr deutsches Wort, das bereits seit dem Mittelalter in Gebrauch ist. Was ist das Problem?

Vielleicht die implizierte Relativierung, die vorsichtige Distanzierung, die verborgene Entschuldigung? Der aktuelle Duden definiert eigentlich als „einen meist halbherzigen, nicht überzeugenden Einwand“, der „auf eine ursprüngliche, schon aufgegebene Absicht hinweise“ (Zitat: Online Duden, Sept. 2016).

Vermutlich möchten die hier versammelten Menschen aus Wirtschaft und Bildungsinstitutionen ja wirklich etwas für die Integration von Flüchtlingen tun. Vermutlich haben sie die besten Absichten. Eigentlich. Aber so einfach geht es eben nicht. Es gibt so viele Hindernisse. Bürokratische, Sprachliche, Kulturelle, Strukturelle. Eigentlich standen ihm alle Möglichkeiten offen. Eigentlich sind wir gute Menschen. Aber in der Realität müssen wir uns eben anpassen. Eigentlich bist Du ja ganz toll integriert, aber leider müssen wir Dich trotzdem abschieben. Eigentlich würde ich ja gerne mehr für dich tun, aber die Strukturen lassen es leider nicht zu.

Kann es sein, dass eigentlich die Menschen nervt, weil es symptomatisch für die Kluft von Anspruch und Wirklichkeit steht? Eine Kluft, die im sozialen Bereich, in der Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten besonders weit auseinanderklafft?

Oder ist man nach fast 1000 Jahren auf den Trichter gekommen, dieses Wort endlich in der klassischen Füllwörterkiste zu entsorgen. Ein Wort, das man irgendwie immer benutzt, wenn man um den heissen Brei herum redet. Und dann gilt es auch noch als “rechtschreiblich schwierig” (siehe Online Duden). Ein Grund mehr, es loszuwerden?

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Übrigens diagnostizierte Theodor W. Adorno bereits 1964 einen „Jargon der Eigentlichkeit“, eine geschwollene Sprache von Funktionsträgern:

Der Jargon fungiere als „Kennmarke vergesellschafteter Erwähltheit”, edel und anheimelnd in eins; Untersprache als Obersprache; der Jargon verwende “marktgängige Edelsubstantive”, Worte die “klingen als ob sie Höheres sagten, als was sie bedeuten”, die sakral sind ohne sakralen Gehalt, Effekt sind als Wirkung ohne Ursache, die ein “nicht vorhandenes Geheimnis” vorgeben, die eine “Himmelfahrt des Wortes, als wäre der Segen von oben in ihm zu lesen” suggerieren, ein “ständiges Tremolo” und eine “präfabrizierte Ergriffenheit”. Der Jargon erstrecke sich von der Philosophie und Theologie nicht bloß Evangelischer Akademien über die Pädagogik, über Volkshochschulen und Jugendbünde bis zur gehobenen Redeweise von Deputierten aus Wirtschaft und Verwaltung“ (JdE 9/416). Charakteristisch für ihn seien „signalhaft einschnappende Wörter“ (JdE 9/417), die Adorno auf Heideggers Leitkategorie der Eigentlichkeit zurückführt.
Zitat nach https://de.wikipedia.org/wiki/Jargon_der_Eigentlichkeit

 

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Worte oder Wörter? Was ist eigentlich der Unterschied? Geht beides und in welchem Fall oder muss es in jedem Fall Wörter heißen. Ein Anrufer, der bei hr2 kultur von meinem Projekt gehört hat, stellt die peinliche Frage. Peinlich für einen Germanisten und Autor. Zugegeben, ein kniffliger Sonderfall der deutschen Sprache. Tatsächlich gibt es nur im Deutschen für das Wort „Wort“ zwei Plurale.

Die ehrwürdige „Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“ mahnt, den „Reichtum“ der deutschen Sprache zu erhalten und den inhaltlichen Unterschied zwischen beiden Formen zu respektieren. Der Duden erklärt: „Wörter“ bezeichnet beliebige einzelne Wörter, Wörter als lexikalische Einheit – alle Wörter mit x, zum Beispiel. Worte sind hingegen besondere, große Worte, aber auch Wortgruppen und Begriffe, z.B. die „letzten Worte“, das „die Worte Buddhas“, aber auch Aussprüche, Beteuerungen, Erklärungen.

Gute Frage: Geht es in meinem Büro um Wörter oder um Worte? Muss ich mein Büro umbenennen? Einerseits möchte ich alle möglichen Wörter, die Menschen nicht mehr brauchen. Andererseits haben diese Wörter als „überflüssige“ schon eine besondere Bedeutung, die über das Einzelwort hinausgeht. Ich nehme ja auch feststehende Begriffe auf, die aus mehreren Wörtern bestehen. Ich glaube, es treffen beide Bedeutungen zu. Eine Entscheidung fällt mir daher nicht leicht.

Im Übrigen geht es mir gar nicht so sehr um sprachliche Dudenkorrektheit. Als Künstler darf man sich zum Glück Freiheiten nehmen. Sonst wäre ich wohl Lehrer geworden. Apropos Korrektheit. Am ersten Tag wurde ich von einem arglistigen Lehrer gefragt, auf wie viele Wörter ich den Deutschen Wortschatz schätze. Eine fiese Fangfrage, denn schon der Duden selbst weist darauf hin, dass eine exakte Schätzung unmöglich ist, weil ständig neue Wörter gebildet und aus anderen Sprachen entlehnt werden. Und die Frage, was denn ein „deutsches“ Wort ist, lässt sich auch nicht beantworten. Zu sehr ist die deutsche Sprache von Anfang an klanglich und kulturell durchmischt – wie vermutlich die meisten Sprachen.

Leichter lässt sich scheinbar der durchschnittliche aktive Wortschatz eines deutschen Sprechers ermitteln. Duden gibt ihn mit 12 000 – 15 000 an. Der durchschnittliche passive Wortschatz läge hingegen bei ca. 50 000 Wörtern. Die Schwankungsbreite dürfte jedoch erheblich sein.

Eines dieser „Wörter“ ist „Äppler“. Jemand möchte es aus seinem Wortschatz streichen. Offenbar kein Freund des sauren Stöffchens. Irrtum. Im Gegenteil. Ein traditionsbewusster Apfelweinkelterer auf dem Weg zum einem Kongress über das „Älterwerden“ klärt mich auf:  „Äppler“ sei ein Kunstbegriff, der von zwei Großkeltereien zu PR-Zwecken kreiert wurde. Der echte hessische Mundartbegriff sei „Ebbelwoi“ oder „Stöffche“. Ich muss zugeben, ich habe auch schon den ein oder anderen „Äppler“ bestellt. Er geht leichter über die Lippen, wenn man kein Mundartsprecher ist. Immerhin, versuche ich mich zu verteidigen, hat die „Äppler“ Kampagne das saure Getränk weit über Hessen hinaus populär gemacht. Eine gelungene PR-Strategie. Das ist doch eigentlich gut für die Apfelweinwirtschaft.

Ein weiteres Fettnäpfchen wartet auf mich, als mich der HR für ein Interview direkt im Büro anruft. Der HR hatte seine Hörer gebeten, sich an der Aktion per Telefon zu beteiligen. Neben dem typischen Unwort „Gutmensch“ hat auch jemand „genau“ als überflüssig gebrandmarkt. Ich merke sofort peinlich berührt, dass ich dieses Wort im Gespräch mit dem HR-Redakteur vor fast jeden Satz hänge. Selbst in vollem ertapptem Bewusstsein klebe ich das Wort wieder und wieder an meine Sätze, ein Sprachautomatismus, dem ich nicht entkommen kann. Andererseits hat das Wort aber auch eine Funktion, denke ich. Ich bestätige im Gespräch mein Gegenüber, stelle eine gemeinsame Gesprächsbasis und Vertrauen her. Ein typisches Verhalten am Anfang eines Gespräches, eine Variante des „Spiegelns“ vielleicht. Im Laufe des Gesprächs werde ich – wie viele andere – zunehmend kritischer.

Der Kongress zum Älterwerden spült auch einen heimatvertriebenen Schlesier an meinen Stand. Er möchte keine Worte abgeben. Die deutsche Sprache ist ihm wichtig, Wort für Wort. Außer den schlimmen Jugendwörtern. Wörtern mit „V“. Aber die will er nicht in den Mund nehmen und noch weniger aufschreiben. Nach dem Krieg hätte man ihm in Polen die deutsche Sprache rausgeprügelt und russisch und polnisch reingeprügelt. Später hätte er die Sprache mühsam neu lernen müssen. Jetzt will er sie behalten. Wort für Wort. Außer vielleicht, er grübelt angestrengt, außer „Hallo“. So eine respektlose Begrüßung. Das ist doch kein deutsches Wort, empört er sich.

Bei den jüngeren Besuchern sind erste Suchtverhaltensweisen erkennbar. Einige kommen jeden Tag wieder und drängen alle ihre Freunde, auch ein Wort abzugeben. Besonders eifrig ist ein junges Mädchen, das am letzten Tag zusammen mit ihrer Mädchenclique mindestens vier Mal auftaucht und jedes Mal noch ein Wort und noch ein Wort abgibt. Dann zieht sie sich kurz zurück, dann kommt sie wieder mit noch einem Wort und hat gleich drauf noch eins. “Besserwisser” ist nur eins von vielen…in der Tat ein unangenehmes Wort und auch ein unangenehmer Geselle. Sie überlässt mir so viele Wörter, dass ich Angst bekomme, ihr Wortschatz könnte ernsthaft Schaden nehmen. Nein, ich kann jetzt nicht jeden Tag hier sein und Wörter einsammeln, antworte ich auf ihre Frage. Vielleicht würde sie am liebsten ihre ganzen Worte hergeben und gegen Neue eintauschen.

Als ich einpacke, steht sie immer noch in der Nähe. Aber diesmal ist ein Mann bei ihr, vermutlich ihr Vater. Sie stehen ganz eng beisammen. Das Mädchen, das eben noch übersprudelte vor Ideen, ist jetzt ganz stumm und steif und sieht traurig aus. Ich frage sie, ob sie noch ein Wort hat, aber sie schütteln nur kurz den Kopf, ohne mich anzusehen. Ich frage den vermeintlichen Vater, aber auch er schüttelt nur kurz den Kopf. Dennoch bleiben beide lange stehen und schauen mir zu, wie ich abbaue.

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Die halbe Nacht Ersatzwörter gesucht, geschrieben und gestempelt. Die meisten Besucher heute im besten Pubertätsalter oder auch mal darunter. Dazwischen vereinzelt gestresste Lehrer oder verwirrte Sprachschüler. Für die Kids ist das ein lustiges Spiel. „Voll cool ey“. Allerdings wurden “voll” und “ey” schon entsorgt. “Cool” sehe ich auch schon auf der Abschussliste. Man könnte also den ganzen Satz streichen.

Lehrer nehmen die Sprache berufsbedingt ernster und möchten vor allem bildungsbürokratische Sprachmonster loswerden, die offenbar auf der Seele lasten.  Beide scheinen in völlig unterschiedlichen Sprach-Universen zu leben. Einerseits: “Niveaukonkretisierung” und “Bildungskompetenz”, “Zeitfenster”, “Binnendifferenzierung” und “Schülermaterial”, andererseits: „Digga“, „chill ma“, „Opfer“, „Hurensohn“. Aber auch „Herzchen“ und „Schatzi“, „Zahnspangen“ und „Köter“ werden entsorgt.

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Dazu interessante Sprachschöpfungen wie „moi chocken“. Klingt wie eine Abart von „Mal checken“. Vielleicht aber auch eine vom Werbefernsehen inspirierte Ableitung der Marke „Moi chocolat“.

Mehrfach wird „Awalee“ abgegeben. Die Mädels, die das Wort loswerden wollen, behaupten, es sei ein erfundenes Wort, das anstelle eines Schimpfwortes gebraucht wird. Beim online check finde ich eine französische „Awalee-Consulting“ Firma, ein Video der Band „Bandoleros“, die trotz des spanischen Namen ziemlich orientalisch klingen.  Ein Online Lexikon verortet den Begriff im „Urdu“ und übersetzt ihn mit „Vorbereitung“. Eine Islaminfoseite weist auf die Herkunft im Koran hin. Hier würde der Begriff „früher“ oder „von früher“ bedeuten. Eine Heavy Metal Band aus Singapur hat ihr letztes Album „Asateerul Awaleen“ genannt und auch gleich die englische Übersetzung „impiety“, also „Pietätlosigkeit“ mitgeliefert.

Ein Lehrer beklagt sich, dass die Deutsche Sprache an Boden verliere. Ich wundere mich trotzdem, dass die entsorgten Begriffe mit wenigen Ausnahmen deutsche Wörter sind. Die gefürchteten Anglizismen tauchen kaum auf. Die Begriffe der aktuellen gesellschaftlichen Debatten (z.B. Thema Flüchtlinge) bleiben ebenfalls aus. Dafür lässt sich ein Besucher – ausgehend von einer Sprachdiskussion – dazu hinreissen, einen ausführlichen Vortrag über die Vorzüge der Engländer und die wirkliche Bedeutung der Queen zu halten.

Büro für überflüssige Worte – Tag 1

23.5.2016 – BiKuZ Frankfurt-Höchst – mehr Infos auf der Facebookseite des Projektes

Schreibtisch, Topfpflanze, Stifte, Stempel sind platziert. Seltsam tropfende Worte mit weichen Konsonanten und vielen Umlauten warten auf ihren Einsatz als Ersatz. Aus dem Rechner verkündet der finnische Computeravatar Mikko mit schwerem Akzent die schönsten „deutschen Worte“.

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Noch bevor das Projekt offiziell eröffnet wird, drängt es schon Manche, überflüssige Worte abzugeben. Pressekonferenz und Büroarbeit läuft simultan. Morgen Artikel in FNP/Höchster Kreisblatt. Der erste Besucher möchte „Herzchen“ aus seinem Wortschatz streichen. Schreckliches Wort meint er. Sein Mentor nennt ihn immer so, wenn er ihn tadelt. Und gleich geht es weiter: „elementar“ muss dran glauben. Das klingt so übertrieben.

Ein Flüchtling auf dem Weg zum Sprachkurs möchte das eben gelernte Wort „Frühstück“ wieder aus seinem Wortschatz streichen. Vielleicht klingt es in seinen Ohren mehr nach Massaker als nach einer Mahlzeit, vielleicht findet er Frühstück an sich überflüssig. Vielleicht hat ihm das Wort zuviel „ü”. Überflüssig ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Nur „Digga“ taucht doppelt auf. Doppelt überflüssig halt.

Überflüssige Worte werden persönlich signiert und gestempelt. Wer sie abgegeben hat verspricht, in Zukunft auf sie zu verzichten und das Ersatzwort zu benutzen, dass ich im Austausch abgebe. Es gibt aber auch Menschen, die behaupten, sie bräuchten ALLE Worte. Nicht das mieseste, gemeinste oder übertriebenste Wort wollen sie hergeben.

Die Stunde Pause, die ich mir vorgenommen hatte, ist völlig illusorisch. Ich habe Mühe auch nur 15 Minuten Freiraum zu erkämpfen, um mein Pausenbrot und meine mitgebrachte Banane zu verzehren. Ich bin am Stempeln, Erklären, Diskutieren, suche nach Ersatzworten. Am Ende des ersten Tages sind alle mitgebrachten Wortkarten und Ersatzworte aufgebraucht.

Noch beim Abbauen meines improvisierten Büros erscheint eine extrem gestresste Dame und ist überglücklich, dass ich ihr noch das Wort „chillmamama“ abnehme, mit dem sie ihr Sohn malträtiere….Sie ist so froh, dass ich mich nicht traue zu sagen, dass dieses Wort zwar jetzt aus ihrem Wortschatz entfernt wurde, aber nicht aus dem ihres Sohnes.