Besprechung „Müüü“ im Magazin „Bad Alchemy“ #81 von Rigobert Dittmann

DIRK HUELSTRUNK Müüü (atemwerft, aw 001, CD-R): Der Augsburger Martyn Schmidt bringt mir als Debut seines eigenen Labels einen Frankfurter Gesinnungsgenossen nahe, der auch schon mal als literarische Mensch-Maschine beschründer des Kollektivs Gruenrekorder und durch seine Aktivitäten mit der Jazz-Poetry-Performance-Gruppe „Sounds Like Poetry?“ und der Elektro-Fluxus-Impro-Grieben wurde. Huelstrunk ist als Soundpoet, Kurator, Kappenträger, Mitbegruppe „Watercolored Well“ ein über den Main-Rhein-Winkel hinaus profilierter Jemand.
Schmidt lässt ihn vom Stapel als Schlabbergosche und Sound-Poetry-Looper, der, nur mit Mundwerk und Loopstation, die Engstellen und Untiefen der Artikuliersee auslotet, rülpsend an Arps Bart zupft, ständig am Ball, ohne mit Modedrinks gurgeln zu müssen. Seine zeitrafferische Zick-hiti-zopp-Version von ‚Seepferdchen und Flugfische‘ mit Bumbalo-bambo-Groove ist seine direkte Homage an den Dada-Hugo, andere Ausformungen seiner oto-rhino-laryngologischen Lautpoesie sind noch uriger. Er vexiert zwischen „I’m searching“, „I know“ und „I believe“ als gospelndes Repetiergewehr der götterhimmlischen Dreifaltigkeit ruapS, müüü und ottogott. Er mischt keuchendes Kläffen und mongolischen Sirenenalarm mit Zweifeln an Joh 1, 1. Alle Lippenbekenntnisse zum Logos erscheinen danach als das, was sie sind. Schillerndes Pfeifen verleihen der Zunge einen neuen Schliff, aber schon ist sie wieder das Spielfeld für animalisch-motorische Comic-Onomatopoesie. Dem Schlund entquillt ein muhendes Nebelhornorchester, er wird zur Gebetsmühle, die ottogott zerschrotet: Oh my god, where’s my dog. Das ‚moaning poem‘ wird bei geschlossenem Mund gekurbelt, das Finale geknurrt, mit einem Sisal-Sesam-Mantra umsponnen und mit Deklamationen à la Christoph Anders durchsetzt, bevor es sich zu einem brausenden Bumbum-Mahlstrom einstrudelt. Um sich urplötzlich als brüllende Stille darzubieten. Ganz zuletzt gibt es dann noch einen kollektiven Repetitions-Hula-Hoop. Uff, seit Jaap Blonk habe ich keinen derart stimmigen Stimmismus mehr gehört.
(Bad Alchemy #81, Rigobert Dittmann)

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