Vielfalt entsorgen, Gummilippe riskieren. Überflüssige Wörter bei Open Books 2

20.10.2016, Kunstverein Frankfurt, Open Books Festival, Buchmesse Frankfurt

„Eigentlich“ ist das unangefochtene Unwort des gestrigen Tages. dpa war zu Besuch. In zahlreichen heute erschienen Artikeln wird „eigentlich“ gleich zum „verhasstesten deutschen Wort“ gekürt. Gemach, möchte ich ihnen zurufen. Die empirische Grundlage ist dünn. Von 70 Besuchern haben 7 also 10 Prozent das Wort „eigentlich“ abgegeben. Aber ich bin ja kein Meinungsforschungsinstitut sondern ein Kunstprojekt. Doch solche Feinheiten zählen nicht mehr, wenn 50 gleich lautende Artikel in ganz Deutschland, Schweiz, Österreich und Liechtenstein erscheinen, darunter solche Schwergewichte wie BILD und Focus, aber auch so interessante Presseerzeugnisse wie die Appenzeller Nachrichten und die sächsische Volksstimme.
Gestern war gestern und heute ist heute. Und heute will niemand mehr „eigentlich“ abgeben, obwohl es vielen auf der Zunge liegt. Die Präsentation auf den Pinnwänden beinflusst neue Besucher bei ihrer Wahl. Niemand will ein Wort abgeben, das andere schon abgegeben haben.

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Dass sich die Besucher um die Vielfalt der ungeliebten Wörter sorgen ist lobenswert. Allerdings wird dabei auch das Wort „Vielfalt“ selbst entsorgt. Zumindest die Vielfalt in „bestimmten Kontexten“. Die Dame möchte nicht missverstanden werden. Aha, sage ich. Meinen Sie vielleicht die „Vielfalt“ im Rahmen eines bürokratischen „Vielfaltsmanagements“? Genau, ruft die Dame erleichtert aus. Klanglich wie semantisch wirklich grauenvoll. Die Eindeutschung zu „Vielfaltsverwaltung“ macht es auch nicht besser. Ein klassischer Oxymoron, ein Widerspruch in sich.
„Diversity Managment“ ist eigentlich eine Methode des Personalmanagements in großen globalen Konzernen. Diskriminierung am Arbeitsplatz zu vermeiden, ist sinnvoll. Aber der Begriff bekommt einen schalen Beigeschmack, wenn “Vielfalt“ zur Werbefloskel und zum Verkaufsargument wird. In der Praxis geht es den globalen Konzernen selten um echte Vielfalt, viel öfter um Vereinheitlichung und Standardisierung von Arbeitsprozessen und Produkten, um stromlinienförmige Mitarbeiter und DIN genormte Kunden.
Mittlerweile hat auch die Politik das „Diversity Managment“ entdeckt, ein Paradies für wichtigtuerische Floskeln und die komplizierte Formulierung von Banalitäten. Auch die Politik wirbt gerne mit „Vielfalt“ und versucht diese ebenso wie die Wirtschaft in „Diversity Standards“ zu vereinheitlichen und dann in werbewirksamen Botschaften zu verkaufen.

Wenig später erscheint eine junge Abgeordnete der Anne-Frank-Stiftung und präsentiert mir das Ergebnis kollektiver und heiß diskutierter Wortmüllsammlung. Fühle mich geehrt und nehme einen bunten Blumenstrauß an politisch unkorrekten Begriffen entgegen: Volk, Kopftuchmädchen, Farbige, Fremdenfeindlichkeit, Gender-Wahn, Kulturkreis, Islamkritik, Israelkritik und schließlich das offenbar schlimmste Wort, eines mit Z. Die junge Frau zögert. Wenn sie das Wort jetzt abgibt, dann steht es ja für alle sichtbar an meiner Tafel. Tja, das ist eben die spannende Dialektik meines Projektes. Ich beruhige sie. Abgegebene Worte behaupte ich, verlieren durch den Stempel „überflüssig“ alle negative Kraft. Schließlich gibt sie sich einen Ruck und schreibt: Zigeunerschnitzel.

Am Ende des Tages werde ich noch mit einer „Gummilippe“ konfrontiert. Die Besucherin zählt es zu den „ekelhaftesten“ Wörtern, die sie kennt. Stimmt, klingt ein wenig pervers. Nur, was ist das? Im Duden ist der Begriff sowenig zu finden wie auf Wikipedia. Gleichwohl, es lebt, unter anderem in Baumärkten. Meine Wort-Kundin wurde beim Studieren einer Bedienungsanleitung für einen Fensterputzer für ihr Leben traumatisiert. Ich hoffe ehrlich, dass ihr die Wortabgabe zu einem neuen unbeschwerten Leben hilft.

Wurstlücke im Doing. Überflüssige Wörter bei Open Books 1

19.10.2016, Tag 1 Kunstverein, Open Books Festival, Buchmesse Frankfurt

Mein Büro im Zentrum von Open Books, dem großen Frankfurter Lesefestival zur Buchmesse, mitten im Foyer des Kunstvereins, schön eingerahmt von den beiden geschwungenen Treppen. Noch bevor ich alle Flyer und Wortkarten und Stifte und Stempel ausgepackt habe und die neu erworbene künstliche Topfpflanze platziert habe, noch bevor überhaupt Einlass ist, bekomme ich die ersten beiden Wörter überreicht.
„Sale“ und das schöne deutsche Verwaltungskompositum „Konsolidierungsbeitrag“. Erst denke ich an Halle an der Saale. Es dauert, bis es klickt, dass das englische „Sale“ gemeint ist….der große Ausverkauf, Rausverkauf.
Wörter, die etwas mit Geld zu tun haben, denke ich, sind nicht beliebt. „Sale“ brüllt einem in guter amerikanischer Tradition seine Botschaft direkt, knallhart und ohne Umschweife in die Nerven. In guter deutscher Vernebelungstradition steht dagegen der schwammig-euphemistische „Konsolidierungsbeitrag“. Ich muss lange nachdenken, ohne dass mir eine wirklich schlüssige Definition einfällt. Eines der vielen neuen Wörter für „Sparmassnahme“?

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Mein Büro ist ein seltsam unliterarischer Ort. Irgendwo im Hintergrund kann ich einen Büchertisch erkennen. In Schüben kommen Besucher und hasten zu den drei parallelen Lesungen in den 2 Stockwerken über mir. Zu hören ist nur der Applaus. Ich hatte ein wenig gehofft, geschwollene Literaturbegriffe ernten zu können. Doch entsorgt werden überwiegend Alltagsfloskeln, Füllwörter. Tages-Unwort ist erneut das unschuldige „eigentlich“, über das ich schon an anderer Stelle geschrieben habe.
Auch fehlen die bösen Wörter der aktuellen politischen Debatten mit einer Ausnahme. „Völkisch“ wird entsorgt neben Windeln, Wirtschaft und Wurstlücke. Ja, die „Wurstlücke“ gibt es wirklich und sie ist nicht der Titel des neuen Romans von Bodo Kirchhoff (der hat den ebenfalls seltsamen Titel „Wiederfahrnis“), sondern eine Lücke im Kartellrecht. Der Wurstfabrikant Tönnies erhielt für zwei Tochterfirmen wegen dreister Preisabsprachen im Rahmen eines „Wurstkartells“ hohe Bußgelder. Daraufhin ließ er diese Firmen einfach mit einer „Konzerninternen Umstrukturierung“ aus dem Handelsregister löschen. Es gab keine Empfänger mehr für das Bußgeld. Dafür bekam die deutsche Sprache ein neues Wort.
Ebenso rätselhaft erschien mir zunächst der Ausdruck „ein Doing haben“, den ein Architekt hinterließ. Ein Begriff aus Konferenzen, erklärte er. Es habe etwas mit Aufgaben zu tun. Endlich mal ein toller Denglisch Begriff, denke ich, so bescheuert, wie man sich nur wünschen kann, zumal in deutscher Aussprache. Ich verliebe mich sogleich. Auf die Schnelle finde ich zwei Quellen. Ein Lexikon amerikanischer Idiome gibt folgende Beispiele: „Bob: Are you busy Saturday night? Bill: Yes, I’ve got something doing. I don’t have anything doing Sunday night. I have something on almost every Saturday.“. Die andere führt zur Gendertheorie, aus der ja immer wieder interessante Sprachimpulse kommen. Candace West und Don Zimmerman haben den Begriff „Doing Gender“ geprägt, um darauf hinzuweisen, dass Geschlecht nicht einfach da ist, sondern „gemacht“ wird. Gendertheorie und Alltagsidiom zusammen streuen seitdem in verschiedene Richtungen von „Doing culture“ zu „doing news“. Alles wird „gemacht“ und jeder Mensch hat, bekommt oder braucht ein „doing“. Wow, denke ich und schlage den Bogen. Auch die „überflüssigen Wörter“ waren vermutlich nicht einfach da. Sie wurden „gemacht“. Überflüssiger Weise. Zum Glück gibt es zum Doing das Undoing, also ein Ent-machen. Zumindest ist das zu Hoffen, auch wenn es beim „Doing Klimawandel“ mittlerweile Zweifel gibt, ob das mit dem Un-Doing immer funktioniert. Hier ist vielleicht die „Wurstlücke im Doing“.