Analog Büro in der Arbeitswelt 4.0

Gelegentlich flammt bei mir Sehnsucht nach einem normalen nine-to-five Job auf. Glücklich, wenn ich die zusammen mit meinem Bürokratiefetisch als „Büro für überflüssige Worte“ ausleben darf. „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung – Perspektiven für Unternehmen und Zugewanderte“ lautet der knackige Titel eines Kongresses zu sprachlicher Bildung und beruflicher Integration. Großes Kino in den hehren Hallen der Industrie- und Handelskammer Frankfurt im Börsengebäude. Entscheidungsträger aus Politik, Bildung und Arbeitsmarkt sollten zusammenkommen und in diversen Plenen und Workshops die Möglichkeiten der Sprachförderung von Flüchtlingen ausloten. 400 Teilnehmer aus ganz Deutschland. Eine Messe von Bildungsanbietern. Moderiert von der bekannten Journalistin Canan Topçu. Ein solcher Kongress, so spekuliere ich, muss eine Fundgrube für überflüssige Wörter sein.

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Baue mein Büro direkt vor dem Hauptkonferenzsaal auf, dem „Plenarsaal“ der IHK und simuliere mit weissem Hemd und Sakko unbeteiligt bedeutsame Geschäftigkeit. Schon bald nach Beginn des Kongresses stürzen die ersten genervten Menschen wieder aus dem Saal. Ich bin froh, dass ich hier draußen die Grußwortorgie verpasse. Immer wieder wanken während des Kongresses erschöpfte Menschen aus dieser Tür, direkt vor mein Büro und verschaffen sich mit einer Wortabgabe Erleichterung. Komme mir zeitweise vor wie der Kongress-Therapeut.

150 „überflüssige“ Wörter werden mir übergeben. Ein kleiner Kernwortschatz, den sich Sprachschüler hart erarbeiten müssten. Allerdings waren Mehrfachnennungen möglich. Top-Unwort des Kongresses ist Eigentlich (9x),  gefolgt von Flüchtling (5x). Migrationshintergrund (3x) und Asylant (2x).
Zeitnah, Schuld, aber, müssen, sozusagen, sind mehrfach genannte Nervbegriffe. Der Rest verteilt sich auf ein breites Spektrum an Floskeln, Füllwörtern, Modewörtern, Bürokratiemonstern und fachsprachlichen Hohlwörtern und Kompetenzphrasen.

Anfangs fürchte ich, dass der eng getaktete Zeitablauf des Kongresses den Teilnehmern gar keine Zeit für eine Wortabgabe lässt. Tatsächlich bilden sich in den kurzen Pausen dicke Menschen-Trauben vor meinem Büro. Ich komme ins Schwitzen und habe Mühe die formalen Regeln des Worttausches aufrecht zu halten. Nach der offiziellen Mittagspause gönne ich mir ebenfalls eine Pause, um  mir die Reste des Buffets anzuschauen. Bringe ein deutlich sichtbares Pausenschild an meinem Büro an. Als ich nur wenig später zurück bin, lassen sich Spuren einer wilden, illegalen Wortabgabe erkennen. Wahllos verstreute Wortkarten und Zettel mit unsignierten und ungestempelten Wörtern. Aus humanitären Gründen nehme ich auch jene Wörter in mein Archiv auf, die nicht formgerecht abgegeben wurden. Sie wegzuwerfen fühlt sich falsch an.

Ein smarter, glatter Anzugmensch mit zurück gegeltem Haar – ganz eilig auf dem Weg zur Börse – findet noch die Zeit mal eben das Wort „Demokratie“ abzugeben. Er signiert auch brav, dass er den Begriff in Zukunft nicht mehr verwenden will. Klischeebild eines windigen Börsenzockers. Seine Erklärung ist verworren und hat etwas mit Marx, der Arbeiterklasse und dem Versagen von irgendwas zu tun. Verstanden habe ich es nicht. Später kommt er noch mal zurück und versucht eine weitere Erklärung, die ich genauso wenig verstehe. Zugegeben, das Wort Demokratie klingt nicht toll. Nicht wie das nach Rotwein und Schwarzpulver duftende Anarchie, eher wie lauwarmer Filterkaffee und Linoleumboden.

Einige Begriffe sind mir nicht so geläufig: Abschiedskultur, Am Gast, Auslegeordnung, Bedarfe, Bundesdurchschnittskostensatz. Auch war mir neu, dass wir bereits zur Arbeitswelt 4.0 upgegradet wurden. Hantiere immer noch mit Web 2.0. Merke immer wieder, wie weit weg von der normalen Arbeitswelt ich bin.

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Sehr originell und selbst ausgedacht klingt die „Inkompetenzkompensationskompetenz“. Doch das so zeitgenössisch klingende Wortungetüm wurde bereits 1973 von dem Philosophen Odo Marquard geprägt. Und es ging irgendwie um Zuständigkeit oder Nichtzuständigkeit von Philosophie.

Am Nachmittag zeigen sich nicht nur bei den aktiven Teilnehmern des Kongresses sondern auch bei mir Müdigkeitserscheinungen. Einige Kostümdamen tragen die hochhackigen Schuhe bereits in der Hand. Es ist stickig. Fast 30 Grad und ich dampfe im Sakko. Der Blümchenkaffee kann das nicht retten. Aber ich muss durchhalten, bis die große Fishbowl-Diskussion mit Teilnehmern von Bundes- und Landesministerien, Jobcenter, Bundesagentur für Arbeit und Bundesamt für Migration noch mal so richtig für Stimmung sorgt. Schöner neuer Begriff, den aber niemand hergeben will: Fishbowl-Diskussion. Ist wohl grad der Hype.

Im Goldfischglas haben sich wohl einige fette Wörter angestaut und noch einmal wird es voll vor meinem Büro. Da werden im Grunde genommen handlungsorientierte Formate entwickelt, um Instrumente und gefühlt nachhaltige Mattrealijen zu perfekt passgenau verzahnten Herausforderungen zu gestalten.

Das ist sehr schön, sage ich. Aber leider gehen mir grade die Ersatzwörter aus. Doch, doch, die Ersatzwörter gehören unbedingt zum Spiel dazu, beharre ich.

Eigentlich überflüssig

Eigentlich ist das „überflüssigste“ Wort, beim Kongress „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung“ am 31.8. in der Industrie und Handelskammer Frankfurt. Der absolute Mehrfachnennungsrekord im Rahmen aller BüW Projekte.

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Kein modernes „Buzzword“, kein aufgeblasener Manager- oder Bürokratensprech, keine PR-Sprache, kein Anglizismus und kein Denglish-Wortbrei. Eigentlich ist ein schlichtes, sehr altes, sehr deutsches Wort, das bereits seit dem Mittelalter in Gebrauch ist. Was ist das Problem?

Vielleicht die implizierte Relativierung, die vorsichtige Distanzierung, die verborgene Entschuldigung? Der aktuelle Duden definiert eigentlich als „einen meist halbherzigen, nicht überzeugenden Einwand“, der „auf eine ursprüngliche, schon aufgegebene Absicht hinweise“ (Zitat: Online Duden, Sept. 2016).

Vermutlich möchten die hier versammelten Menschen aus Wirtschaft und Bildungsinstitutionen ja wirklich etwas für die Integration von Flüchtlingen tun. Vermutlich haben sie die besten Absichten. Eigentlich. Aber so einfach geht es eben nicht. Es gibt so viele Hindernisse. Bürokratische, Sprachliche, Kulturelle, Strukturelle. Eigentlich standen ihm alle Möglichkeiten offen. Eigentlich sind wir gute Menschen. Aber in der Realität müssen wir uns eben anpassen. Eigentlich bist Du ja ganz toll integriert, aber leider müssen wir Dich trotzdem abschieben. Eigentlich würde ich ja gerne mehr für dich tun, aber die Strukturen lassen es leider nicht zu.

Kann es sein, dass eigentlich die Menschen nervt, weil es symptomatisch für die Kluft von Anspruch und Wirklichkeit steht? Eine Kluft, die im sozialen Bereich, in der Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten besonders weit auseinanderklafft?

Oder ist man nach fast 1000 Jahren auf den Trichter gekommen, dieses Wort endlich in der klassischen Füllwörterkiste zu entsorgen. Ein Wort, das man irgendwie immer benutzt, wenn man um den heissen Brei herum redet. Und dann gilt es auch noch als “rechtschreiblich schwierig” (siehe Online Duden). Ein Grund mehr, es loszuwerden?

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Übrigens diagnostizierte Theodor W. Adorno bereits 1964 einen „Jargon der Eigentlichkeit“, eine geschwollene Sprache von Funktionsträgern:

Der Jargon fungiere als „Kennmarke vergesellschafteter Erwähltheit”, edel und anheimelnd in eins; Untersprache als Obersprache; der Jargon verwende “marktgängige Edelsubstantive”, Worte die “klingen als ob sie Höheres sagten, als was sie bedeuten”, die sakral sind ohne sakralen Gehalt, Effekt sind als Wirkung ohne Ursache, die ein “nicht vorhandenes Geheimnis” vorgeben, die eine “Himmelfahrt des Wortes, als wäre der Segen von oben in ihm zu lesen” suggerieren, ein “ständiges Tremolo” und eine “präfabrizierte Ergriffenheit”. Der Jargon erstrecke sich von der Philosophie und Theologie nicht bloß Evangelischer Akademien über die Pädagogik, über Volkshochschulen und Jugendbünde bis zur gehobenen Redeweise von Deputierten aus Wirtschaft und Verwaltung“ (JdE 9/416). Charakteristisch für ihn seien „signalhaft einschnappende Wörter“ (JdE 9/417), die Adorno auf Heideggers Leitkategorie der Eigentlichkeit zurückführt.
Zitat nach https://de.wikipedia.org/wiki/Jargon_der_Eigentlichkeit