Büro für überflüssige Worte – Stadtbücherei Frankfurt-Höchst 3

Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Muss man davon ausgehen, dass wir auch zu viele Wörter haben, die zu viele überflüssige Dinge bezeichnen? Je mehr Dinge wir besitzen, desto schwieriger ist das Abgeben. Vielleicht kann man das zehn Jahre alte T-Shirt ja noch als Putzlappen gebrauchen. Vielleicht kann man das Tonbandgerät des Grossvaters noch reparieren. Und all die neuen und fast neuen Dinge. Stabmixer, Handys, Espressomaschine, iPad, 3-D-Drucker. Und wie ist das mit Bologna-Reform und Bachelor? Da hat man soviel investiert, das kann man doch nicht einfach wegwerfen. Das wäre doch nicht „nachhaltig“ (eines meiner Lieblingsunwörter).

Je jünger die Besucher, je kleiner ihr Wortschatz, desto leichtfertiger geben sie ihre Worte her. Worte kosten nichts, sollte man meinen und es heißt, man soll Worte NICHT auf die Goldwaage legen. Doch jedes Wort musste gelernt werden. Das erzeugt Bindungen und Besitzansprüche. Manche behaupten, ihnen falle gar kein überflüssiges Wort ein, andere sagen, sie bräuchten ALLE Worte – ja, auch die BÖSEN. Man kann nie wissen, wann man sie gebrauchen kann.

Heute kommen viele Sprachschüler. Eine Italienerin möchte „Unmenschlichkeit“ loswerden. Klingt wirklich schrecklich. Schwer auszusprechen, schwer zu schreiben und schwer zu ertragen…dennoch allgegenwärtig.

Zwei Äthiopier entscheiden sich nach längerer Diskussion für das Wort „Entschuldigung“. Ein großes, schweres Wort….ein Wort wie heftiger Seegang mit dunklen Gewitterwolken. Da wird einem finster um´s Gemüt. Außerdem hören wir immer wieder – man soll sich nicht entschuldigen, sondern zu dem stehen, was man tut und sagt. Entschuldigung ist ein Synonym für mangelndes Selbstvertrauen. Wenn es leichter von den Lippen gehen würde, würden wir es vielleicht häufiger einsetzen, aber so…..

Eine Französin möchte nicht vor „Achtung!“ stramm stehen. Ein Wort, bei dem man zusammen zuckt und an die Abgründe der deutschen Geschichte denken muss. Weg damit. Aber ach…..das Wort hat ja noch eine andere Bedeutung. Die Achtung vor dem Menschen. Ein Wort der Bewunderung, des Respekts….das sollte dann doch erhalten bleiben.

Den Kanaken herzugeben, fällt einem türkisch-stämmigen Jugendlichen schwer. Ein schlimmes Wort. Eine Beleidigung. Andererseits – auch ein Wort, das man manchmal wie eine Auszeichnung trägt. Die schlimmsten, beleidigenden Wörter lassen sich manchmal positiv umwerten. Funktioniert aber nicht immer. In der Linguistik nennt man diese Umwertung  „Geusen“. Das umgewertete Wort ist ein „Geusenwort“. Klingt ziemlich bescheuert und dürfte kaum bekannt sein. Da müsste mal was Besseres her. Für den Umgang mit diskriminierenden Wörtern gibt es übrigens auch den Begriff „Stigma Management“….brrrr. Neben Werbetextern, Medien, Politikern und fehlgeleiteten Jugendlichen sind auch die Soziologen geübte Unworterfinder.

„Schwul“ ist auch so ein „Geusenwort“. Ursprünglich ein Schimpfwort, wird es mittlerweile auch als positive Selbstbezeichnung benutzt. Nur die Schüler wissen davon noch nichts. Auf dem Schulhof gehört es neben „behindert“ zu den Klassikern der Beleidigungen. Eine multikulturell pubertierende Dreiergruppe druckst und flüstert vor meinem Schreibtisch und sondert schliesslich „Schwulette“ ab. Soll wohl beleidigend sein, klingt aber ganz nett, oder?

Daneben wurden aber auch Liebe, Hase, Reiskorn und selbst der Tod entsorgt. Mit dem „Tod“ ist es umgekehrt wie mit der „Entschuldigung“. Tod spricht sich zu leicht, fast läppisch angesichts des gigantischen Mysteriums, dass sich mit all seinen Ängsten und Erwartungen dahinter verbirgt. Wollen wir den Tod schon mit der Sprache an den Rand unseres Lebens drängen? Eine einfache Lösung wäre es, die Begriffe Tod und Entschuldigung auszutauschen. Dann ist doch alles im Lot und ich könnte nach Hause gehen.

Ach ja, hr2kultur war vor Ort….die Redakteurin beginnt gleich mir zu assistieren und hält alten wie jungen Passanten, Müllmännern und Toilettenfrauen erst mal das Mikrophon mit dem HR Logo unter die Nase und fordert „ein überflüssiges Wort“ – aber pronto. „Bürolandschaft“ hat sie erjagt. Ein spannendes Wort, klingt paradox und nach einem zeitgenössischen Euphemismus. Ist aber ein Konzept aus den 1950er Jahren. Die Redakteurin hat auch selbst ein Wort abzugeben. „Anmutung“ findet sie ganz grässlich. Gesendet wird der Beitrag am Di., 31.5., 6:45 und 10:25 bei hr2kultur.

Büro für überflüssige Worte – Stadtbücherei Frankfurt-Höchst 2

Die halbe Nacht Ersatzwörter gesucht, geschrieben und gestempelt. Die meisten Besucher heute im besten Pubertätsalter oder auch mal darunter. Dazwischen vereinzelt gestresste Lehrer oder verwirrte Sprachschüler. Für die Kids ist das ein lustiges Spiel. „Voll cool ey“. Allerdings wurden „voll“ und „ey“ schon entsorgt. „Cool“ sehe ich auch schon auf der Abschussliste. Man könnte also den ganzen Satz streichen.

Lehrer nehmen die Sprache berufsbedingt ernster und möchten vor allem bildungsbürokratische Sprachmonster loswerden, die offenbar auf der Seele lasten.  Beide scheinen in völlig unterschiedlichen Sprach-Universen zu leben. Einerseits: „Niveaukonkretisierung“ und „Bildungskompetenz“, „Zeitfenster“, „Binnendifferenzierung“ und „Schülermaterial“, andererseits: „Digga“, „chill ma“, „Opfer“, „Hurensohn“. Aber auch „Herzchen“ und „Schatzi“, „Zahnspangen“ und „Köter“ werden entsorgt.

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Dazu interessante Sprachschöpfungen wie „moi chocken“. Klingt wie eine Abart von „Mal checken“. Vielleicht aber auch eine vom Werbefernsehen inspirierte Ableitung der Marke „Moi chocolat“.

Mehrfach wird „Awalee“ abgegeben. Die Mädels, die das Wort loswerden wollen, behaupten, es sei ein erfundenes Wort, das anstelle eines Schimpfwortes gebraucht wird. Beim online check finde ich eine französische „Awalee-Consulting“ Firma, ein Video der Band „Bandoleros“, die trotz des spanischen Namen ziemlich orientalisch klingen.  Ein Online Lexikon verortet den Begriff im „Urdu“ und übersetzt ihn mit „Vorbereitung“. Eine Islaminfoseite weist auf die Herkunft im Koran hin. Hier würde der Begriff „früher“ oder „von früher“ bedeuten. Eine Heavy Metal Band aus Singapur hat ihr letztes Album „Asateerul Awaleen“ genannt und auch gleich die englische Übersetzung „impiety“, also „Pietätlosigkeit“ mitgeliefert.

Ein Lehrer beklagt sich, dass die Deutsche Sprache an Boden verliere. Ich wundere mich trotzdem, dass die entsorgten Begriffe mit wenigen Ausnahmen deutsche Wörter sind. Die gefürchteten Anglizismen tauchen kaum auf. Die Begriffe der aktuellen gesellschaftlichen Debatten (z.B. Thema Flüchtlinge) bleiben ebenfalls aus. Dafür lässt sich ein Besucher – ausgehend von einer Sprachdiskussion – dazu hinreissen, einen ausführlichen Vortrag über die Vorzüge der Engländer und die wirkliche Bedeutung der Queen zu halten.

Büro für überflüssige Worte – Tag 1

23.5.2016 – BiKuZ Frankfurt-Höchst – mehr Infos auf der Facebookseite des Projektes

Schreibtisch, Topfpflanze, Stifte, Stempel sind platziert. Seltsam tropfende Worte mit weichen Konsonanten und vielen Umlauten warten auf ihren Einsatz als Ersatz. Aus dem Rechner verkündet der finnische Computeravatar Mikko mit schwerem Akzent die schönsten „deutschen Worte“.

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Noch bevor das Projekt offiziell eröffnet wird, drängt es schon Manche, überflüssige Worte abzugeben. Pressekonferenz und Büroarbeit läuft simultan. Morgen Artikel in FNP/Höchster Kreisblatt. Der erste Besucher möchte „Herzchen“ aus seinem Wortschatz streichen. Schreckliches Wort meint er. Sein Mentor nennt ihn immer so, wenn er ihn tadelt. Und gleich geht es weiter: „elementar“ muss dran glauben. Das klingt so übertrieben.

Ein Flüchtling auf dem Weg zum Sprachkurs möchte das eben gelernte Wort „Frühstück“ wieder aus seinem Wortschatz streichen. Vielleicht klingt es in seinen Ohren mehr nach Massaker als nach einer Mahlzeit, vielleicht findet er Frühstück an sich überflüssig. Vielleicht hat ihm das Wort zuviel „ü“. Überflüssig ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Nur „Digga“ taucht doppelt auf. Doppelt überflüssig halt.

Überflüssige Worte werden persönlich signiert und gestempelt. Wer sie abgegeben hat verspricht, in Zukunft auf sie zu verzichten und das Ersatzwort zu benutzen, dass ich im Austausch abgebe. Es gibt aber auch Menschen, die behaupten, sie bräuchten ALLE Worte. Nicht das mieseste, gemeinste oder übertriebenste Wort wollen sie hergeben.

Die Stunde Pause, die ich mir vorgenommen hatte, ist völlig illusorisch. Ich habe Mühe auch nur 15 Minuten Freiraum zu erkämpfen, um mein Pausenbrot und meine mitgebrachte Banane zu verzehren. Ich bin am Stempeln, Erklären, Diskutieren, suche nach Ersatzworten. Am Ende des ersten Tages sind alle mitgebrachten Wortkarten und Ersatzworte aufgebraucht.

Noch beim Abbauen meines improvisierten Büros erscheint eine extrem gestresste Dame und ist überglücklich, dass ich ihr noch das Wort „chillmamama“ abnehme, mit dem sie ihr Sohn malträtiere….Sie ist so froh, dass ich mich nicht traue zu sagen, dass dieses Wort zwar jetzt aus ihrem Wortschatz entfernt wurde, aber nicht aus dem ihres Sohnes.

Wortumdrehung – U20 Poetry Slam Workshop

6. Mai 2016 10:00bis7. Mai 2016 16:00

07.05.2016 – 08.05.2016, 10:00 – 16:00 Uhr
Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.

Der Workshop richtet sich sowohl an Anfänger wie an Fortgeschrittene, die ein kritisches Feedback zu ihren Texten brauchen oder ihren Vortragsstil verbessern möchten. Teilnehmen können Jugendliche vom 15-20. Ältere Interessenten können in Einzelfällen teilnehmen, wenn noch Platz ist.

Info auf Kulturnetz Frankfurt

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