Wiederholung als kreatives Prinzip – ein Essay von Felipe Cussen

Schöner Essay (auf Spanisch) über das Prinzip der Wiederholung u.a. am Beispiel meiner Stücke. In Trans – Revue de la litterature 19/2015

„La repetición es el nuevo principio creativo“ (Gonzalo Millán) / „I see repetition as a basic creative method“ (Dirk Huelstrunk)

„In this essay I propose a relationship between the conception of repetition in the Chilean poet Gonzalo Millán and the German sound poet Dirk Huelstrunk. This route involves a serie of links not only with the poetic tradition, but also with the visual arts, minimalist music and also electronic music.“ (Felipe Cussen)

HuelsTrunk unplugged – Gedichte gegen die Wirklichkeit – Minimal Spoken Word Poems

13. Dezember 2015
17:00bis19:00

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So. 13.12, 17 Uhr. HuelsTrunk unplugged – Gedichte gegen die Wirklichkeit – Minimal Spoken Word Poems
Nach vielen Reisen und Projekten und zuletzt dem Stipendium des Literaturhauses in Prag….jetzt auch mal wieder eine Lesung in Frankfurt und das ganz unelektronisch. Eine kleine Auswahl meiner aktuellen Lyrik, darunter Texte die zuletzt in Prag entstanden sind. Zur schönen Kaffee – und Kuchen-Zeit in der Margarethe. Läßt sich gut mit einem Besuch beim Lola Montez Kunst-Weihnachtsmarkt verbinden.

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Sirenen – Blog für Prag Aktuell

Erstveröffentlichung 2.11.15 auf Prag Aktuell

Bei geschlossenem Fenster höre ich den Herbstwind ums Haus pfeifen und heulen, dass die betagten Doppelglasfenster scheppern. Durch die Fensterritzen dringt ein kühler Hauch. Zwei mächtige goldenen Laubbäume auf der Slaveninsel hat er in zwei Nächten komplett entlaubt.
Bei geschlossenem Fenster sehe ich wie zwei Laubbläser die wild verstreute Laub-Hinterlassenschaft stoisch und brachial wie eine Noise Metal Band zusammen pusten. Dann gehen sie in die Mittagspause. Nach der Mittagspause hat der Wind das Laub wieder über die gesamte Insel verteilt.
Bei geschlossenem Fenster höre ich in der Wohnung unter mir junge Stimmen fleißig Tonleitern entlang klettern. Da da da (hoch) da da (runter). 14 – 19 Uhr. Da da da (hoch) da da (runter).

Beim Öffnen des Fensters, wenn die Laubsauger pausieren, höre ich das Moldauwasser über Staustufen rauschen, die Straßenbahnen in den Schienen knirschen und betrunkene Touristen grölen.

Egal, ob ich das Fenster öffne oder schließe, ob ich mich im Haus oder außer Haus befinde, ob ich mich in der Neustadt oder der Altstadt, in Josefov oder Zizkov, in Mala Strana oder Smichov aufhalte – es gibt ein Geräusch, das mich verfolgt, ein Geräusch, dass die Prager selbst nicht wahrzunehmen scheinen.
Ein durchdringendes langgezogenes Heulen, das kurz in ein Stakkato übergeht und dann wieder durchdringend aufheult. Eine amerikanische Sirene. Ich höre es nicht nur, ich sehe es schließlich auch. Unauffällige schwarze Personenwagen, offizielle Polizeifahrzeuge und die gelben Krankenwagen sausen ununterbrochen mit Blaulicht und Sirene durch Prag.
Tagsüber ertönen die Sirenen ununterbrochen, eigentlich überlagern sie alle anderen Geräusche, bis nachts der Wind übernimmt.
Wenn man die Augen schließt, fühlt man sich wie in New York oder Chicago. Wenn man sie öffnet sieht man die Moldau behäbig fließen, Tret-Bote treiben, den Hradschin regungslos über der Stadt thronen, die Touristenhändler böhmisches Kristall anpreisen, die Menschen in Cafés vor fetten Torten oder in den Pivnices vor bauchigen Biergläsern sitzen.

Alles fühlt sich entspannt an. Ja, so höre ich, Smichov wäre früher mal ein  unangenehmer und unsicherer Stadtteil gewesen. Der Bahnhof sei einmal ein finsteres Loch gewesen, das man lieber nicht betreten hätte und der Park vor dem Bahnhof bekam wegen der zahlreichen Diebe den Spitznamen „Sherwood Forest“. Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Aber irgendwo muss das Verbrechen ja lauern. Die Sirenen werden ja nicht einfach zum Spaß angestellt. Irgendwo müssen die Massenkarambolagen sein, die Terroranschläge, die Jugendgangs, die Auseinandersetzung rivalisierender Mafiaclans. Drogenexzesse ausländischer Jugendlicher… So wie es in Prag neben den Straßen die vielen Passagen und Durchgänge gibt, so existiert vielleicht auch eine unsichtbare Unterwelt voller Gewalt und Schmerz, voller Trauer und Wut.

Oder handelt es sich doch um Übungen oder eine spezielle tschechische Sportart? Sollen die Sirenen vielleicht beruhigen und  demonstrieren, dass der Staat für Sicherheit und Ordnung sorgt?

Man sagt mir, die Prager hätten eine Neigung bei den kleinsten Problemen die Polizei zu rufen. Ein Kratzer am Auto, ein Streit mit der Ehefrau. Ich bin fest davon überzeugt, dass da mehr dahinter steckt. Die Prager Sirenen, ein ungelöstes Rätsel.