Sprechen – Blog für “Prag Aktuell”

SAMSUNG CSCOriginalveröffentlichung in: “Prag Aktuell” 18.11.15

Das Sprechen fällt mir in den Tagen von Terror, Fanatismus und Verschwörungstheorien schon im Deutschen nicht leicht. Ich möchte sagen, jetzt bleibt mal cool, aber es klingt verkehrt. Ich möchte sagen, nehmt es mit Humor. Das klingt noch viel falscher. Ich möchte sagen, ich bin Frankreich, aber es klingt arrogant. Ich möchte sagen, jetzt reicht´s aber – und das klingt beängstigend. Und was sagt man in Prag? Was muss man sagen? Was muss man jetzt sagen? Alle meine Versuche klingen nach Klischee.

As-salam aleikum – Friede sei mit Euch – aber es ist der falsche Zeitpunkt und die falsche Sprache. Schalom und Gesundheit. Guten Tag will ich sagen, Entschuldigung…ich bin da…Dzien dobry und dobar dan, djenkuje. Fehler! Die Tschechen sind nicht begeistert, wenn man ihnen sagt, dass ihre Sprache so ähnlich wie Polnisch oder Kroatisch klingt. Aber ich kann es nur schwer auseinanderhalten. Verzeihung, djekuje vam. Ich möchte ein Pivo, prosim!Další, prosim korrigiert mich die Kassiererin im Supermarkt, während ich umständlich in meiner Geldbörse herumfummele. Der nächste, bitte. Oder auch: Dalli, Dalli. Ich nuschele etwas zurück, dass vage an dobry den erinnert.

Abends, beim Bier in der verrauchten Keller-Kneipe zischen harte und weiche Konsonanten um mich herum. Trotz des Mangels an wahrnehmbaren Vokalen klingt alles elastisch. Was sagen die? Alles klingt nach intellektueller Diskussion mit integrierten schlüpfrigen Scherzen und komplizierten Höflichkeitsformeln. In das Sprech-Zischen mischen sich: Espressomaschine, das Rauschen der Moldauwehre, das Quietschen der Strassenbahnen.

Liebe Tschechen, möchte ich sagen, seid mir bitte nicht böse, wenn ich den kurzen Monat meines Aufenthaltes nicht dazu benutze, eure wunderbare Sprache zu lernen. Ich muss noch einige Kämpfe mit meiner eigenen Sprache ausfechten und ein bisschen Zeit auf den Straßen von Prag verbringen. Dazu kommt: zu oft und zu schnell habe ich mich in den letzten Monaten und Jahren durch verschiedenste Kulturkreise und Sprachräume bewegt. Mein Aufnahmespeicher ist fast voll. Der Rettungsfaden durch all diese Labyrinthe: Englisch.  Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus ist die westliche Lingua Franca auch in vielen osteuropäischen Ländern Allgemeingut geworden. Angesichts der düsteren Vergangenheit, faschistischer Okkupation, der brutalen Elimination des deutsch-tschechischen Judentums, der Vertreibung der deutschstämmigen Tschechen nach dem 2. Weltkrieg fällt es mir leichter in der neutralen Sprache Englisch zu kommunizieren, als auf Deutsch.

Britischer Kolonialismus und amerikanischer Imperialismus haben viel Elend über die Welt gebracht. Aber die englische Sprache hat auch Menschen entlegenster Kulturen eine gemeinsame Plattform gegeben. Ich bin mit amerikanischer Sprache und Kultur aufgewachsen. Ich habe sie nie als Besatzer-Kultur empfunden. Ich war dankbar, dass sie die Fenster der miefigen deutschen Nachkriegswirklichkeit zur Welt hin geöffnet hat.

Englisch sprechen heißt nicht, die eigene Sprache aufzugeben. Aber draußen in der Welt ist es gut, Menschen nach dem Weg fragen zu können und ihnen zu vermitteln, dass man in freundlicher Absicht kommt. Ein Mensch, mit dem ich eine gemeinsame Sprache finde, ist mir gleich viel sympathischer, als ein Mensch, den ich nicht oder nur durch Vermittler verstehe. Eigentlich ist es doch egal, in welcher Sprache man sich unterhält, Hauptsache, man unterhält sich. Manchmal denke ich, die Menschen nehmen ihre Sprachen zu wichtig, hüten und verteidigen sie verbissen als ihr Eigentum. Sie führen sich auf, als würde man ihre Seele stehlen, wenn sie eine andere Sprache als ihre Geburtssprache verwenden sollen. Manchmal denke ich, Menschen gebrauchen ihre Sprachen lieber zur gegenseitigen Abgrenzung und Ausgrenzung als zur Kommunikation. Ich mag die deutsche Sprache, aber alle anderen Sprachen sind genauso interessant. Wer von schönen Sprachen spricht, impliziert, dass es hässliche Sprachen gibt. Unsinn.

Interessanter finde ich es, nicht im eigenen Sprachraum festzukleben sondern nach Übersetzungen zu suchen. Zugegeben, in jeder Sprache gibt es eine paar Begriffe und Konzepte, die sich nur schwer übersetzen lassen. Aber die Möglichkeiten aus den entlegensten Sprach- und Kulturräumen zu übersetzen, fasziniert mich mehr, als mich die Probleme abschrecken. Ich bin sicher, der Kern meiner Gedanken und Gefühle, die Grundideen meiner Texte lassen sich in eine beliebige andere Sprache übertragen. Englisch, Finnisch oder Tschechisch, Arabisch oder Japanisch. Vielleicht klingt es anders, vielleicht gibt es einen anderen Assoziationsraum. Ich sehe diese Differenz mehr als Erweiterung der Möglichkeiten, als kreativer Spielraum und weniger als Einschränkung. Für Missverständnisse muss ich nicht ins Ausland gehen.

Also, další pivo, prosim! Und noch ein Absinth hinterher. Auf Unterschiedlichkeit der Sprachen und auf ihre Übersetzbarkeit. Na zdraví. Zum Wohl.

Ahoi Prag – Blog für “Prag Aktuell”

SAMSUNG CSCErstveröffentlichung in: Prag Aktuell, 13.11.15
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45 Minuten. Die Dauer einer LP, eines Frühstücks, einer Stadtdurchquerung oder eines Fluges von Frankfurt nach Prag.
Die Fahrt vom Vaclav-Havel-Flughafen ins Zentrum dauert mit Bus, Metro und Straßenbahn länger als der Flug. Bis 2012 hieß der Flughafen Ruzyne, ebenso wie das nahe Gefängnis, in dem der bekannte Dissident und Dichter-Präsident Vaclav Havel zeitweise inhaftiert war. Zwischen seiner letzten Haftentlassung und seiner Wahl zum Präsidenten im Dezember 1989 lagen nur wenige Monate. Heute geben sich die Justizbehörden erstaunlich serviceorientiert und gewährend auf ihrer Homepage stolz Einblicke in Geschichte, Kapazität, Freizeit- und Bildungsmöglichkeiten des größten Prager Gefängnisses. Fast möchte man dort eine Kur verbringen. Über den berühmten Gefangenen Vaclav Havel erfährt man leider nichts. Weibliche Gefangene werden im nahen Kloster bei den karitativen Schwestern des St. Boromäus Ordens untergebracht. Das Kloster wird auch als Altersheim genutzt. http://www.vscr.cz/vazebni-veznice-praha-ruzyne-90/information-in-english-1464/aj.

Inhaftiert werden in Tschechien auch Flüchtlinge. Präsident Zeman bezeichnet Flüchtlinge als „Verbrecher“ und spricht von einer „organisierten Invasion“. Mindestens 40 Tage können sie in geschlossenen Lagern festgehalten werden. Sie bekommen dort Mobiltelefone und Geld abgenommen. Kein Land in Europa geht so rigide gegen Flüchtlinge vor. Der UNO-Hochkommissar für Menschenrechte spricht von systematischen Verletzungen der Menschenrechte. Am Tag vor meiner Ankunft demonstrierte die völkisch-rassistische „Pegida“-Bewegung mit Lutz Bachmann in Prag. Ich erfahre, dass die Unterstützer der Flüchtlinge hier ironisch „Sonnenscheinchen“ genannt werden. Ist das die tschechische Variante zum deutschen „Gutmenschen“?

Immer wieder wird mir klar, wie privilegiert ich durch meine zufällige Geburt in Deutschland, meinen deutschen Pass und meine Hautfarbe ich bin. Ich kann mich frei in der Welt bewegen. Ich kann sagen und schreiben, was ich möchte. Ich habe bisher weder Hunger, noch Krieg und Vertreibung, noch Zensur erlebt. Ich bin hier als eingeladener Gastkünstler. Meine Unterbringung kein Gefängnis und kein Internierungslager sondern das noble Jugendstil-Haus der Vereinigung tschechischer Chöre. Blick auf die Moldau und den Petrin Hügel. Kaum habe ich den Koffer abgestellt, werden irgendwo fleißig Tonleitern auf- und ab geklettert. Wenn ich das Fenster öffne, reichern das langgezogene Geheul amerikanischer Ambulanz- oder Polizei-Sirenen und das Rattern der unermüdlichen Prager Straßenbahnen die Stimmübungen an. Leichter Nebel verklärt alles. Die Häuser der Kleinseite und die Burg sind nur schemenhaft zu erkennen. Über die Moldau gleiten geräuschlos Schwanentretbote. Der Minimarkt im Erdgeschoss bietet eine reiche Auswahl an Absinth an. Um die Ecke bietet ein Militariageschäft Pickelhauben an. In welchem Jahrhundert befinde ich mich?

 

Prager Kreuzungen

Kaum, dass ich in Prag bin, fange ich wieder an Gedichte zu schreiben, die fast wie Gedichte aussehen.

Prager Kreuzungen

In den Kurven
rotten sich Strassenbahnen
aller Alters- und Gesellschaftsklassen
zusammen kreischen hysterisch
Hier gibts kein Asyl
dafür Döner im lauen
Untergang des Abends
morgens wird Jugendstilbruch
verpetzt für ein paar Heller
Nachricht an Geheimpolizei
(ist noch jemand da?):
Individuum kotzt Cannabisvodka
schwarzer Schwan flieht
im Tretbot
mit Tarnhose
und Pickelhaube
aus Militariabedarf